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Universität Mannheim : Studenten sind keine Nutztiere

Guter Ruf und ungewisse Zukunft: Universität Mannheim Bild: picture-alliance/ dpa

Unternehmen reißen sich um Absolventen der Universität Mannheim. Doch ihr Rektor will eigenmächtig und dilettantisch Profilbildung betreiben. Die Studenten haben Besseres verdient, als in die Hände eines Visionärs zu geraten.

          Empirie, Rationalismus, Marktwirtschaft - das könnte über dem Portal des riesigen Barockschlosses stehen, in dem die Universität Mannheim residiert. Denn diese Begriffe beschreiben recht gut ihr Profil. Profilbildung aber ist in deutschen Universitäten das Wort der Stunde. Gemeint ist damit, daß jede Hochschule sich überlegen soll, worin ihre Stärken bestehen, um diese Stärken zu pflegen und ihre Strukturen auf sie hin auszurichten.

          Wie falsch man diese Selbstverständlichkeit interpretieren kann, läßt sich jedoch gerade in Mannheim studieren. Die Universität ist bekannt für ihre Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, ihre Betriebswirtschaftslehre, die Makroökonomie, sozialstatistische Großrechenprojekte, den Geist des Kritischen Rationalismus und die sechsbändige, also studienzeitfüllende Einführung in die Soziologie von Hartmut Esser. Mannheim steht im Ruf, daß dort gearbeitet wird. Die Unternehmen reißen sich um die Absolventen.

          Die Nachfrage? Unerheblich, findet der Rektor

          Das alles, so unbestreitbar wie erfreulich, brachte nun den Rektor der Universität, den Steuerrechtler Hans-Wolfgang Arndt, auf Vorschläge zur Profilbildung. Er hat vor, von den fünf Fakultäten der Universität nur mehr vier übrigzulassen. Die Fächer der Philosophischen Fakultät sollen entweder - wie die Geschichte - der Volkswirtschaft, oder - wie die Philologie, die Medienwissenschaften und die Philosophie selber - den Sozialwissenschaften zugeschlagen werden. Schrumpfen und Studiengänge verlieren sollen sie dabei überdies. 1400 Studenten haben sich zuletzt auf die dreißig Plätze in den Medienwissenschaften beworben. Den Diplom-Philologen mit ökonomischem Schwerpunkt schließen fabulöse neunzig Prozent der Studierenden ab. Die Mannheimer Politologie wäre wohl froh um solche Zahlen. Der Rektor aber findet das tatsächliche Nachfrageverhalten unbeachtlich. Marktwirtschaft?

          Außerdem betreibt Arndt den Aufbau einer Fakultät für Wirtschaftsinformatik, ein Fach, das in Mannheim nicht in Blüte steht und bislang der Betriebswirtschaft zugeordnet ist. Die Technische Informatik hingegen, die im Exzellenzwettbewerb soeben mit drei ihrer sieben Lehrstühle im Forschungs-Cluster „Zelluläre Netzwerke“ ausgezeichnet worden ist, soll verschwinden. Sie, die vor zehn Jahren eingerichtet und für hundert Millionen Euro mit Laborgebäuden ausgestattet wurde, passe nicht nach Mannheim. Exzellenz, die nicht zum Profil paßt? Rationalität?

          Ein dilettantischer und leicht durchschauter Reformstil

          Doch es sind nicht nur solche Ungereimtheiten, die inzwischen weite Kreise der Universität, aber auch das Mannheimer Rathaus sowie Landtagsabgeordnete aller Parteien gegen den Rektor aufbringen. Im Beisein des baden-württembergischen Wissenschaftsministers Peter Frankenberg, einst selbst Rektor der Universität, hat der Kreisvorstand der CDU Mannheims, dem Frankenberg vorsitzt, kürzlich einstimmig von einer Rektoratspolitik gesprochen, die Mannheim schade. Es kommt nämlich zur Ambition, aus der Universität eine wie glanzvoll auch immer dastehende Wirtschaftshochschule zu machen - was sie überdies schon ist -, ein dilettantischer und selbst in seinen Winkelzügen leicht durchschauter Reformstil hinzu.

          Die Pläne selbst, so kann man diesen Stil charakterisieren, sollen die Fakten schaffen, die sie brauchen, um plausibel zu erscheinen. So verhinderte der Rektor die Neubesetzung eines medienwissenschaftlichen Lehrstuhls, weil sie den Strukturplänen nicht entspreche - Pläne, die zum Zeitpunkt aber weder vorlagen noch beschlossen waren. So bat er das Gütersloher „Centrum für Hochschulentwicklung“, Fächer der Technischen Informatik nicht mehr bei ihren Fächer-Rankings zu berücksichtigen - vermutlich, um einen Rückgang der Bewerberzahlen, der ihm als Argument zupaß käme, selbst mitzubewirken. Einen Fächertausch mit Heidelberg, der die Informatik betreffen sollte, wurde über die Presse angekündigt, ohne daß die Gremien beider Universitäten darüber beschlossen hatten; er kam auch nicht zustande. Bei einer Mannheimer Podiumsdiskussion am Montag wies Frankenberg darum noch einmal darauf hin, daß Studiengänge ohne Genehmigung des Ministeriums nicht einfach geschlossen werden können. Mit seinem eigenen Fach, der Geographie, die in Mannheim abgeschafft wurde, ist der Wissenschaftsminister ein früher Zeuge von Profilbildung.

          Ein Jammer, was aus solchen Ehrentiteln werden kann

          Wie undurchdacht sie durchgeführt wird, zeigt sich, wenn Arndt mitteilt, Mannheim zum deutschen Harvard machen zu wollen, aber erklärtermaßen auch eine deutsche Variante der „London School of Economics“ (LSE) im Sinn hat. Nun gibt es wenige Spitzenhochschulen, die sich so sehr unterscheiden wie Harvard und die LSE. Es handelt sich also um Sprüche ohne empirischen Bezug. Der wäre für einen Vergleich mit der Londoner Eliteschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - mit eigenständigen Studiengängen in Geschichte, Geographie, Medienwissenschaften und vielem mehr - auch gar nicht auf dem vorgeschlagenen Weg herzustellen. Denn in London weiß man, daß die Ausbildung von Spitzenkräften vor allem eines nicht sein darf: einseitig.

          Am Montag beschwor Rektor Arndt den „breit aufgestellten Studenten“. Wie er ihn durch eine sowohl unwürdige wie sachfremde Behandlung von Disziplinen hervorbringen will, sagte er nicht. Marktwirtschaft, Rationalismus, Empirie - es ist ein Jammer, was aus solchen Ehrentiteln werden kann. Die Mannheimer Studenten haben Besseres verdient, als in die Hände eines Visionärs zu geraten.

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