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Unicef-Studie : Das Sein verstimmt das Bewusstsein

Gefühlte Unzufriedenheit - ist sie schon bei Schülern typisch deutsch? Bild: dpa

Arme reiche Jugend? Die Studie der Unicef, die den Zusammenhang von Wohlbefinden und Wohlstand klären will, ist eine Statistik, die nur munter drauflos addiert.

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          Die Rangtabellen der Unicef über die Wohlfahrtslage von Kindern haben nicht nur Deutschland mit einem scheinbaren Paradox konfrontiert. Man erwarte, heißt es in der Studie, die sich vor allem mit Elf- bis Fünfzehnjährigen befasst, dass es einen engen Zusammenhang zwischen ihrem Wohlstand und Wohlbefinden gebe. Für mehr als die Hälfte der untersuchten neunundzwanzig Länder gilt das auch. Doch die deutschen Kinder sind bei hohem Wohlstand (Platz 6) ziemlich unzufrieden (Platz 22), während die griechischen bei geringem Wohlstand (Platz 25) recht gut gelaunt (Platz 5) sind. Ähnlich sonnigen Gemüts sind die Spanier, Italiener, Letten und Esten, unterproportional hingegen schlägt sich der relative Wohlstand auch bei Luxemburgern, Kanadiern und Polen nieder.

          Wie lassen sich diese Fälle aufklären? Woran liegt es, wenn das Sein das Bewusstsein nicht bestimmt? An einer Nord-Süd-Mentalitätsdifferenz jedenfalls nicht. Genauso wenig geben die Daten etwas für den Schluss her, die mitgeteilte Zufriedenheit manifestiere sich umgekehrt in passenden Handlungen. Einen Spitzenplatz im Bereich der „objektiven“ Gesichtspunkte nehmen die Deutschen beim Thema Gewalt ein. Nirgendwo sind Kinder so wenig in körperliche Auseinandersetzungen verstrickt wie hierzulande. Negative Höchstwerte erzielen in dieser Rubrik Spanien und Griechenland, was aber nicht aufs dortige Befinden durchgreift. Umgekehrt sind die finnischen Jugendlichen recht zufrieden, leben indes viel ungesünder, essen beispielsweise von allen am wenigsten Obst, und nur noch die Litauer zwischen elf und fünfzehn sind öfter betrunken als sie. Die griechischen Kinder wiederum sind bei auffälligem Übergewicht zufrieden, die niederländischen noch mehr, obwohl oder weil sie die schlankesten sind.

          Islands Musterväter

          Obwohl oder weil. Vermutlich spielt es eine Rolle, aus welchen Gründen man mehr oder weniger speist, trinkt oder gut in der Schule ist. Vermutlich sind auch Erwartungshaltungen ausschlaggebend, wenn das Bewusstsein Urteile über das Sein bildet. Fatalismus kann darum stimmungsaufhellend wirken und umgekehrt Gerechtigkeitssinn die Weltsicht eintrüben. Von den Puritanern hat uns einst Max Weber erzählt, sie hätten sich ganz gern gequält - aber was hätten ihre Kinder dann wohl auf einer Skala der „Life Satisfaction“ von 0 bis 10 angekreuzt? 0 für die Qual oder 10, weil sich ihr hinzugeben ein gutes Gewissen machte? Die einen empfinden Streit als Ausdruck von Lebendigkeit, die anderen leiden darunter.

          Oder, um ein Beispiel aus der Studie zu nehmen: Es finden nur fünfzig Prozent aller französischen Jugendlichen leicht, mit ihren Vätern zu sprechen - ein spektakulär niedriger Wert, verglichen mit mehr als achtzig Prozent Niederländern oder drei Vierteln aller Rumänen. Doch liegt das daran, dass die Väter schweigsam, ständig abwesend oder uninformativ sind? Die Isländer sind übrigens die Einzigen, bei denen die Väter, was kommunikative Erreichbarkeit angeht, nicht völlig von den Müttern abgehängt werden.

          Deutschland vor den Finnen

          Das lässt eine weitere Relativierung der Rangtabellen hervortreten. Zufrieden im Vergleich womit? Mit dem, was man sich vorstellen kann, mit dem, was einem eingeredet oder vorgehalten wird, mit dem, was unter den waltenden Umständen möglich erscheint, mit den Nachbarn? Die bloßen Zahlen sind diesseits einer Klärung solcher Fragen, die selbst nicht mittels Ankreuzen von Skalen zu bewirken sein wird, wenig mehr als ein Rorschachbild, in das man jede Art von Nationenstereotyp oder Kulturpessimismus hineinlesen kann. Es ist dann wie mit den Pisa-Daten, von denen sich auch jeder in dem bestätigt fühlte, was er schon vorher wusste, zum Beispiel, dass „die“ Kinder schon recht haben, unglücklich zu sein in einer so schlimmen Gesellschaft; nur dass es die holländische Jugend nicht gemerkt hat.

          Dabei sind selbst die Informationen über das objektive Wohlbefinden, je näher man sie anschaut, desto subjektiver. Nicht nur, weil angenommen wurde, dass Faktoren wie die Armutsrate, die Zahl der Internetanschlüsse, die Üblichkeit von drei Mahlzeiten am Tag oder der Anteil an Teenagerschwangerschaften alle gleich in die Lebensqualität eingehen oder sie ausdrücken. Wie willkürlich die Platzvergabe ist, sieht man etwa daran, dass die Deutschen bei der Bildung jetzt vor den Finnen liegen, weil nicht nur Pisa-Erfolge, sondern auch die Jugendarbeitslosigkeit und die Teilnahme an vorschulischer Erziehung - in Finnland am geringsten von allen Ländern - mitgezählt wurde.

          Ein tragfähiger Begriff existiert nicht

          Doch das „Finnland-Paradox“, dass die geringste Teilnahme an Vorschulerziehung mit der höchsten schulischen Leistungsfähigkeit einhergeht, lösen die Autoren selbst auf. In Finnland herrscht Schulpflicht erst ab dem siebten Lebensjahr, weswegen dort Vierjährige meist noch nicht auf Vorschulen kommen. Ab dem vierten Jahr aber wurde gemessen. Außerdem wurde nur die Teilnahmerate, aber nicht die Qualität der Vorschulen betrachtet. Gut erklärt, aber was soll dann das Ganze?

          Die Studie formuliert noch andere ihrer Grenzen. Weder der Umfang häuslicher Gewalt sei ermittelt worden noch der Grad an Kommerzialisierung und Sexualisierung des Jugendalters, ja nicht einmal der Umfang, in dem Kinder „den Medien“ ausgesetzt sind. Auch seien die ersten Jahre der Kindheit statistisch noch völlig unerfasst. An diesen Formulierungen zeigt sich der Selbstlauf der Statistik. Ein tragfähiger Begriff, wovon Wohlstand oder gar Wohlbefinden in welchem Umfang abhängt, existiert nicht, man addiert einfach nur ein bisschen drauflos. Die Begrenztheit der Befunde führt nur zum Hunger nach noch mehr Zahlen. Es herrscht die ebenso naive wie bedrückende Vorstellung, mit noch größeren Datensätzen und der Vollerfassung des Lebens am Ende doch die richtigen, politisch informativen Glücksrangtabellen produzieren zu können. Die sozialstatistische Glücksforschung ist also ihrerseits bei objektivem intellektuellem Elend mit sich und ihrer Lage sehr zufrieden.

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