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Zum Tod von John Perry Barlow : Trauerfall im neuen Zuhause des Geistes

John Perry Barlow, geboren am 3. Oktober 1947, gestorben am 7. Februar 2018 Bild: Mangusta Productions/courtesy Everett Collection

Er hat den Cyberspace für unabhängig erklärt und die Electronic Frontier Foundation gegründet: Mit John Perry Barlow verliert das Internet einen eloquenten Weissager, Fürsprecher und Vorkämpfer.

          „My day coming, anyday, don’t worry about me“: Es war der Sänger und Gitarrist Bob Weir, ein Freund aus Jugendtagen, dem John Perry Barlow den Text für den Grateful-Dead-Song „Estimated Prophet“ geschrieben hatte. Die Zeile passt bestens ebenso zu ihrem Verfasser, wie der Titel des Eröffnungssongs des Albums „Terrapin Station“ aus dem Jahr 1977: Aus Barlow wurde ein Prophet – ein Weissager, Fürsprecher und Vorkämpfer eines Internets als Raum der Freiheit und der Entfaltung. Dreizehn Jahre später sollte er mit der Electronic Frontier Foundation (EFF), zusammen mit Mitchell Kapor, eine auch heute noch zentrale Bürgerrechtsorganisation für das digitale Leben gründen. Mit seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace ausgerechnet beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Februar 1996 schließlich setzte Barlow ein Zeichen gegen die bürokratische Deformation des Netzes, auf das sich Internet-Aktivisten immer wieder beziehen: „Regierungen der industriellen Welt“, hebt es an, „ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch, Vertreter des Vergangenen, lasst uns in Ruhe. Ihr seid uns nicht willkommen. Ihr habt keine Macht, wo wir uns versammeln.“

          Ohne Übertreibung könne man sagen, dass große Teile des Internets, wie wir es heute kennen und lieben, wegen Barlows Vision und Führungsstärke bestehen und blühen, schreibt Cindy Cohn, Direktorin der EFF auf der Website der Organisation. Wer in Barlow den Fürsprecher eines naiven Techno-Utopismus sehe, tue ihm Unrecht: „Barlow wusste, dass Technologie das Übel ebenso erschaffen und ermächtigen kann wie das Gute.“

          Am 3. Oktober 1947 in Jackson Hole im amerikanischen Bundesstaat Wyoming geboren, wuchs John Perry Barlow als Einzelkind auf einer fast neuntausend Hektar großen Rinderfarm auf. Seine Eltern waren strenggläubige Mormonen, der nächste Nachbar lebte vier Kilometer entfernt. Nach dem Studium der vergleichenden Religionswissenschaften in Connecticut hatte ihn 1969 die Harvard Law School angenommen. Vom Verlag Farrar, Straus and Giroux hatte er einen Vertrag für seinen ersten Roman bekommen, als Barlow zu einer zweijährigen Weltreise aufbrach, die ihn zuletzt nicht wie geplant nach Kalifornien führte, sondern zurück auf die elterliche Farm. Die nächsten annähernd zwei Jahrzehnte war Barlow Rinderzüchter in Wyoming.

          „Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben“, hielt er 1996 in der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace fest, „wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen.“ Seitdem hat sich Barlow gegen den wachsenden Konformitätsdruck des Netzes ebenso gestemmt wie gegen das Aufkommen von Hass und Lüge – und gegen die zunehmende Regulierung und Überwachung des Kommunikationsuniversums, das er in seiner Utopie einst als Raum der Freiheit entworfen hatte. Seine Electronic Frontier Foundation kämpft für diese Freiheit mit Kampagnen und Prozessen.

          „Belaste dich nicht mit Angelegenheiten, die du tatsächlich nicht ändern kannst“, schrieb John Perry Barlow 1977 – im Jahr, als „Estimated Prophet“ erschien – in einer weit verbreiteten Liste mit fünfundzwanzig „Prinzipien erwachsenen Verhaltens“. Immer wieder hat uns Barlow gezeigt, dass sich das Internet verändern lässt. Die Liste, die er am Vorabend seines dreißigsten Geburtstags verfasste, endet mit „Bleibe beharrlich“. Wie jetzt bekannt wurde, starb John Perry Barlow am Morgen des 7. Februar in San Francisco. Er wurde siebzig Jahre alt.

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