https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ulrike-guerot-und-der-sachbuchpreis-dem-ndr-fehlt-die-sorgfalt-18330488.html

Der Fall Guérot : Dem NDR fehlt die Sorgfalt

Noch wahrt sie virtuos eine doppelte Präsenz in den Medien des sogenannten Mainstreams und im verschwörungstheoretischen Paralleluniversum der Alternativmedien: Ulrike Guérot. Bild: Frank Röth

Der NDR präzisiert: Grund für den Widerruf der Einladung der Bonner Professorin Ulrike Guérot in die Sachbuchjury sind die Plagiatsvorwürfe gegen ihre Bücher.

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          Der Norddeutsche Rundfunk hat die Gründe präzisiert, die zum Widerruf der Einladung an die Bonner Politikprofessorin Ulrike Guérot geführt ha­ben, in der Jury des NDR Sachbuchpreises mitzuwirken. Katja Marx, die Programmdirektorin und Vor­sitzende der Jury, verweist auf ihre „Aufgabe als Vorsitzende, den notwendigen Rahmen für die innere Zusammenarbeit der Jury, für ihre Diskurs- und Entscheidungsfähigkeit zu schaffen und zu erhalten“. Zu den notwendigen Rahmenbedingungen gehörten „neben Ver­traulichkeit und Sachlichkeit auch der Respekt vor jenen Grundwerten wissenschaftlicher Praxis, für die der NDR Sachbuchpreis und seine Jurymitglieder persönlich stehen: wissenschaftliche Sorgfalt, Wahrheit und Wahr­haftigkeit, die klare Abgrenzung zwischen Tatsache und Behauptung“.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dass Guérot als Sachwalterin dieser Grundwerte in einem Preisrichtergremium nicht geeignet wäre, begründet der NDR damit, dass gegen die zum Wintersemester 2021/22 nach Bonn berufene Bestsellerautorin „ernstzunehmende Vorwürfe des unsachgemäßen Vorgehens im Rahmen ihrer eigenen Publikationen erhoben worden“ seien. Der Trierer Politikwissenschaftler Markus Linden hatte in drei Artikeln in der F.A.Z. vom 4. und 8. Juni sowie in der „Zeit“ um­fangreiche unausgewiesene Übernahmen fremder Texte in Büchern Guérots dokumentiert. Der NDR „bedauert, dass dies nicht bereits bei der An­frage“ an Ulrike Guérot „hinreichend berücksichtigt wurde“.

          Asymmetrische Kriegführung

          Der NDR legt Wert auf die Feststellung, mit der Ausladung Guérots keine politische Bewertung ihrer Publikationen und anderen öffentlichen Äußerungen vorgenommen zu haben. Einschätzungen, Analysen oder persönliche Auffassungen, die Guérot im öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs zu verschiedenen Themen beitrage, seien für die Entscheidung nicht ausschlaggebend gewesen, lässt Katja Marx mitteilen: „Ihre Positionen haben, entsprechend dem Gebot der Meinungspluralität und der journalistischen Fairness, in zahlreichen Medien ausführlich Platz – auch im Programm der ARD.“

          Die maßlose Polemik, mit welcher der NDR von den Anhängern Ulrike Guérots überzogen wird, seit Guérot den Text der E-Mail publik machte, die sie aus Hamburg bekommen hatte, steht im Kontext der Kampagne rechter Alternativmedien gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Diese Kampagne profitiert von den Bedingungen asymmetrischer moralischer Kriegführung: Gegenüber seinen Kritikern muss der als Zwangsgebührenverschwender beschimpfte Rundfunk ganz besonders auf Fairness achten und jeden Anschein von Unfairness vermeiden. In diesem Zusammenhang hat man auch die Kommunikation des NDR in der Jurysache einzuordnen.

          Zur politischen Vernünftigkeit oder Unvernünftigkeit der Ansichten der als Europaexpertin prominent gewordenen Autorin des mit einem Vorabdruck im Internet-Magazin „Rubikon“ beworbenen Buches „Wer schweigt, stimmt zu“ kann Katja Marx schweigen, ohne den Eindruck der Zustimmung oder auch falscher Toleranz zu erwecken, weil die unwiderlegten Plagiatsvorwürfe Grund genug für die Aufkündigung der Zusammenarbeit jenseits der Kamera waren.

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