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Michael-Althen-Preis : Über deutsche Kültür

Michael Althen Bild: Frank Röth

Zum zehnten Mal vergibt in diesem Jahr die F.A.Z. den Michael-Althen-Preis für Kritik. Der Gewinner ist Ulrich Gutmair.

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          Der Gewinner des Michael-Althen-Preises für Kritik steht fest – aber die Preisverleihung, die schöne Feier mit all den Reden, Lesungen, Blumen und den Drinks, die es danach immer gab, fällt leider schon zum zweiten Mal hintereinander aus, weil es einfach zu ge­fährlich wäre, einander so nahe zu kom­men, wie das, glücklicherweise, vor Corona immer geschah. Und wie es eigentlich so notwendig wäre.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Auch die Jury konnte, weil einer in Quarantäne war, nicht zur Urteilsfindung zusammenkommen. Es wurde al­so schriftlich plädiert, begründet, ge­feiert und abgelehnt ­ – und als Journalist, der mitlesen durfte, fände man es natürlich reizvoll, diese Korrespondenzen zu veröffentlichen; leider wäre es aber viel zu indiskret. Die Jury, das sind die Schauspielerin Claudia Michelsen, der Filmregisseur und Autor Dominik Graf, der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Filmregisseur und Autor Tom Tykwer: Künstler also, die es ge­wohnt sind, dass ihre Arbeit kritisiert und beurteilt wird. Diese Umkehrung der Perspektive, die Aufforderung an die Kritisierten, doch mal die Kritisierenden zu kritisieren, das ist, einerseits dem Gedenken an Michael Althen ge­schuldet, dem 2011 verstorbenen Kritiker und Redakteur der F.A.Z., dessen Filmkritiken von den Filmern so be­sonders aufmerksam gelesen wurden, selbst dann, wenn er zu einem eher skeptischen Urteil kam: Weil bei ihm eine intellektuelle und emotionale In­te­grität zu spüren war, eine beeindruckende Konzentration des Beobachters beim Beobachten seiner selbst.

          Und andererseits hat diese Umkehrung der Perspektive eine wahrheits­stiftende Kraft, weshalb man sich immer wieder wünscht, die Jury tagte öffentlich: Sie alle lesen nämlich die eingereichten Texte mit jener Sorgfalt, Genauigkeit und der grundsätzlichen Sympathie für die Arbeit der Autoren, die sie sich ei­gentlich auch von denen wünschen, die ihre Werke betrachten und bewerten.

          Das reinste Glück

          Es ist ihnen nicht leichtgefallen, einen Sieger zu ermitteln. Es standen ja neun ernstzunehmende Texte zur Diskussion, darunter, um nur einige zu nennen, eine hymnische Filmkritik, ein genauer Essay über die Frage, wie frei die Literatur sich das Leben wirklicher Menschen als Stoff aneignen darf; eine Wutrede gegen das Humboldt-Forum oder der feinfühlige Hinweis auf einen fast vergessenen Schriftsteller und Reporter. Dass Ulrich Gutmair, Redakteur der Berliner Tageszeitung, den Preis verdient hat für seinen Essay „Kebabträume in der Mauerstadt“ heißt also nicht, dass ein paar andere ihn nicht auch verdient hätten – wobei es ganz im Sinn von Michael Althen wäre, wenn man hier vom Verdienst gar nicht erst spräche. Nur von dem Glück, dass einem so ein Artikel eben gelingt. Dass es die Leser auch so se­hen. Und dass es dafür auch noch diesen Preis gibt (der mit fünftausend Euro dotiert ist).

          „Kebabträume in der Mauerstadt“, in der Aprilausgabe des Merkurs erschienen, ist der Versuch, in der jüngeren Kultur- und Musikgeschichte die Ge­schichte der Migration auszugraben ­ – und umgekehrt. Gutmair erzählt, wie Gabi Delgado-López, Sohn eines spanischen Philosophielehrers, der aber vor Franco floh und sich in Deutschland unter die Gastarbeiter einreihen durfte, wie dieser Gabi Delgado-López sich 1978, bei einem Besuch in Kreuzberg, zu den legendär paranoid-dadaistischen Versen jenes Songs inspirieren ließ, der dann „Militürk“ hieß und einer der größten Hits der Neuen Deutschen Welle wurde: „Kebabträume in der Mauerstadt / Türk-Kültür hinter Stacheldraht“. Und wie im selben Jahr der türkischstämmige Sänger Ozan Ata Canani das Lied „Deutsche Freunde“ schreibt, inspiriert von Max Frischs Satz, wonach wir Arbeitskräfte gerufen hätten, aber Menschen gekommen seien – ein Lied mit deutschem Text und einer anatolischen Melodie. Gutmair schreibt, dass „Ausländer raus!“ schon damals eine populäre Parole gewesen sei. Während die migrantischen Künstler immer auch auf der Suche nach dem spezifisch Deutschen waren, nach deut­schen Worten, deutscher Poesie, deutschen Gefühlen.

          Und das war es wohl, was die Jury für ihn eingenommen hat: dass Gutmair da gewissermaßen Pionierarbeit leistet. Und dass er sich den Songs mit Empathie und Neugier nähert, ganz ohne den Umweg über Geschmacksurteile.

          Es ist das zehnte Jahr, in dem der Preis verliehen wird: Glückwunsch, Ulrich Gutmair!

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