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Botschafter Melnyk im Gespräch : „Alle Russen sind gerade unsere Feinde“

Kriegsdiplomat: Andrij Melnyk Bild: Jens Gyarmaty

Worte, die einem kalt den Rücken hinunterlaufen: Andrij Melnyk im Gespräch über das Butscha-Massaker, die falschen Friedensgesten des deutschen Bundespräsidenten und seine aktuelle Feindschaft zu „allen Russen“.

          5 Min.

          Andrij Melnyk hat scharfe Kritik am Friedenskonzert des Bundespräsidenten für die Ukraine geübt. Unser Gespräch fand statt, noch bevor Frank-Walter Steinmeier auf Melnyks Vorwürfe reagierte.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bilder von Butscha schockieren die westliche Weltöffentlichkeit. Wie schauen Sie diese Bilder an?

          Nicht nur als Ukrainer, als Mensch, als jemand, der diese Gegend sehr gut kennt. Viele meiner Freunde haben Häuser dort und muss­ten fliehen. Es sind jetzt einige Tage vergangen, aber wir, auch meine Familie, können das menschlich nicht verstehen. Und wir hoffen, dass das, was man jetzt gesehen hat, auch in Deutschland endlich begriffen wird.

          Was sehen Sie auf den Bildern? Ist das der Racheakt einer Truppe ohne Moral – oder ist das systematischer Terror gegen die Zivilbevölkerung?

          Ich glaube, es ist beides, aber das zweite trifft eher zu. Putin führt einen Vernichtungskrieg. Nicht nur gegen den ukrainischen Staat, sondern auch gegen die Ukrainer, gegen die Zivilisten. Das Ausmaß der Gräueltaten von Butscha beweist, dass sie Teil von Putins perfider Kriegsführung sind. Putin handelt mit System, um die Ukrainer zu vernichten oder, wenn das nicht gelingt, sie zu vertreiben und einzuschüchtern. Denn man kann sich vorstellen, was sich die Menschen in Sumy, in Chernihiw, in Charkiw denken, wenn sie sehen, dass diese Mörder jetzt in Belarus in Richtung Ost­ukraine geschickt werden, um dort die Offensive zu verstärken. Ich glaube, dass die Weltöffentlichkeit jetzt aufwachen und uns nicht mehr dazu zwingen sollte, diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden, eine Waffenruhe einzuführen, ohne Abzug der russischen Truppen. Denn eine Waffenruhe würde bedeuten, dass Hunderte andere Städte und Dörfer, die seit mehr als vierzig Tagen besetzt sind, womöglich ein ähnlich schreckliches Schicksal erwartet.

          Die „Washington Post“ hat aber auch berichtet, dass die ukrainische Armee Zivilisten ins Fadenkreuz rücke, indem sie Militärgerät absichtlich in Wohngebiete stellt. Könnte diese Strategie nicht die Bemühungen schwächen, Russland für Kriegsverbrechen haftbar zu machen?

          Ich bin kein Soldat oder Offizier. Ich bin nur ein Diplomat. Und natürlich müssen wir solche Berichte ernst nehmen, wenn sie stimmen. Ich hoffe, dass solche Hinweise auch in Kiew im Verteidigungsministerium gehört werden. Denn das darf nicht sein, auch wenn Kriegshandlungen zum großen Teil in Städten geführt werden. Für unsere Soldaten ist das humanitäre Völkerrecht ein Begriff. Es gab einen Vorfall – und er wurde nicht vertuscht –, wo gefangenen Soldaten auf die Beine geschossen wurde. Es wurde sofort eine Untersuchung eingeleitet. Es ist Krieg, da liegen die Nerven blank. Die Grausamkeit, die man Tag und Nacht sieht, ist etwas, das für eine normale menschliche Psyche verheerend wirkt. Man kann nicht verstehen, wie schlecht es uns gerade geht.

          Herr Botschafter, unlängst haben Sie die Teilnahme an einem Benefizkonzert des Bundespräsidenten abgesagt, weil dort russische Solisten auftraten. Ihre Begründung lautete, dass dieses Konzert – zu dem ja auch ein ukrainischer Komponist eingeladen war – ein freundschaftliches Signal Richtung Putin gewesen sei. Glauben Sie wirklich, dass ein Benefizkonzert so einen Effekt haben kann?

          Jede Handlung, auch ein Konzert, hat ein bestimmtes Ziel und eine bestimmte Wirkung. Für mich als ukrainischen Botschafter ist immer noch nicht klar, wieso es erforderlich war, in dieser Situation eine Versöhnungsgeste zu versuchen, im Sinne von: Ukrainer und Russen sitzen zusammen, mu­si­zieren, beklatschen einander und genießen die Kultur. Für mich war das befremdlich, denn solange der Krieg Russlands in dieser Grausamkeit auf unserem Boden tobt, kann ich mir nicht vorstellen, dass man miteinander feiert. Natürlich kann man hoffen, dass die Versöhnung schnell vor sich geht, aber man muss realistisch bleiben: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Jahrzehnte gedauert, bis zwischen Frankreich und Deutschland eine Partnerschaft entstanden ist. Und ich glaube, dass das in unserem Fall noch länger dauern wird. Deswegen war das Konzert im Schloss Bellevue voreilig. Dieses Konzert hat in der Ukraine sehr hohe Wellen geschlagen, und ich habe keine einzige Reaktion in meiner Heimat gehört, wo gesagt wurde: „Du hättest vielleicht doch lieber hingehen sollen.“

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