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Ukrainische Geschichte : Heimkehr ins Land der Massengräber

Problematische Ideologie: Eine Einheit der ukrainischen UPA-Partisanenkämpfer um 1943/44 Bild: Dmytro Tolmachov/Dreamstime.com

In der Ukraine besinnt man sich zunehmend auf die Nationalgeschichte. Das dafür zuständige Museum in Kiew holt eine bedeutende Ikone zurück – und erinnert gleichzeitig an die Opfer des Sowjetregimes.

          Auf einem der höchsten Hügel, auf denen die Hauptstadt der Ukraine gegründet ist, steil hundert Meter aufragend über dem Dnjepr, liegt die Oberstadt. In diesem Viertel war einst der Fürstensitz der Kiewer Rus, des mittelalterlichen Reiches, als dessen Erben sich die Ukraine und Russland heute gleichermaßen sehen. Jener Blütezeit verdankt Kiew den Titel „Mutter der russischen Städte“. Auf dem Hügel steht ein Bauwerk im Stil des sowjetischen Klassizismus, geschmückt von einem Portikus mit ungewöhnlich schlanken Säulen. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzung, die in Kiew große Schäden hinterlassen haben, hat hier das Nationale Museum für Geschichte der Ukraine (früher: der Sowjetrepublik Ukraine) seine Heimat gefunden. Ein Besuch bietet mehr, als die Internetseite des Museums verspricht.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Wer das Haus betreten will, muss quer über einen Platz, auf dem gesicherte Mauerfundamente ebenfalls von Aufbau und Zerstörung zeugen. Hier stand die Zehntkirche, das älteste Gotteshaus der Stadt; die Mongolen zerstörten die Kirche. Der Nachfolgebau fiel der Kirchenverfolgung unter Stalin zum Opfer. Umso mehr hat sich das Museum zum Ziel gesetzt, zu suchen und zu retten, was heute noch zu finden und zu retten ist.

          In diesem Frühjahr – hundert Jahre nach der Ausrufung eines kurzlebigen ukrainischen Staates im Januar 1919 – wurde der Anfang gemacht. Erstmals konnte die Familienikone des Hetmans (Heerführers) und Staatsoberhaupts Pawlo Skoropadskyj, der 1919 ins Exil nach Berlin ging, öffentlich gezeigt werden. Tetjana Sosnowska, seit vier Jahren die Museumsdirektorin, strahlt vor Freude: „Das ist der Anfang eines Projekts, dem wir den Namen ,Heimkehren‘ gegeben haben.“ Es sei ein großes Ereignis, nach drei Generationen dieses Kunstwerk in die Ukraine zurückgeholt zu haben.

          Allerdings war es nicht das Museum selbst, dem das gelungen ist; vielmehr der Lemberger Sammler Jaroslaw Holdun, ein angenehm zurückhaltender Mann mittleren Alters, der bei der Präsentation anwesend ist. „Die Ikone wurde in Genf auf einer Auktion angeboten“, erzählt er. „Die häufigsten Käufer von Ikonen sind stets vermögende Russen. Wir haben daher zunächst versucht, sie außerhalb der Auktion zu erwerben, leider ohne Erfolg.“ So hat Holdun mitgeboten. Welche Summe er eingesetzt hat, will er leider nicht verraten.

          Das richtige Marketing?

          Vermutlich hätte die Regierung kaum die Mittel dafür aufbringen können; sie ist der Träger des Museums. „Es wäre jedoch heute anachronistisch, sich völlig auf den Staat zu verlassen“, sagt Sosnowska. Man müsse auch selbst „das richtige Marketing“ betreiben – ihm sowie der gewachsenen Besucherzahl sei es zu verdanken, dass sich der Eigenanteil der Finanzierung des Hauses seit 2014 verfünffacht habe, auf umgerechnet etwa 130.000 Euro im Jahr.

          Die Familienikone des Heerführers Pawlo Skoropadskyj

          Die Ikone ist im siebzehnten Jahrhundert entstanden und wird der Stroganowschen Schule der Ikonenmalerei zugerechnet. Sie zeigt das Jesuskind, wie es sich Wange an Wange an seine Mutter schmiegt. Maria erwidert den Blick jedoch nicht, sondern schaut – was ungewöhnlich ist – dem Betrachter direkt ins Auge. Diese liebliche Szene kennzeichne den Ikonentyp der griechischen „Eleousa“; in der Ukraine heiße dieser Typ „Nischnist“ (Zärtlichkeit), erläutert ein Ikonenfachmann. Er nutzt die Gelegenheit, um das Museum auf ein Missverständnis hinzuweisen: Es hatte das Bildnis zunächst als „Ikone der Gottesmutter von Wladimir“ angekündigt.

          Damit ist ein wunder Punkt berührt: Diese berühmte und stilbildende Ikone war im zwölften Jahrhundert aus Konstantinopel in die Kiewer Rus gekommen und wurde fortan nicht weit der Hauptstadt in Wyschhorod verehrt. Dann jedoch verlegte ein Fürst des Reiches seine Residenz nach Norden, in die Stadt Wladimir bei Moskau; heute befindet sich die berühmte Ikone in der Moskauer Tretjakow-Galerie.

          „Das hier ist jedenfalls eine Muttergottes von Wyschhorod, nicht von Wladimir“, stellt der gestrenge Herr fest. Die Ähnlichkeit beider Bildnisse in der Körperhaltung von Muttergottes und Jesuskind lässt sich nicht leugnen; allerdings hat von der Ikone noch niemand viel gesehen, außer Gesichtern, Händen und Füßen ist alles vom Oklad, dem metallenen Schmuckbeschlag, verdeckt.

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