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Ukrainische Geschichte : Heimkehr ins Land der Massengräber

Kaum weniger Interesse als die Ikone selbst weckt ihr (einstiger) Besitzer: Skoropadskyj hatte 1918/19 versucht, sich zwischen deutschen Truppen und Bolschewiki zu behaupten, musste dann jedoch nach Deutschland fliehen, wo er als Exilpolitiker eine Rolle spielte, doch 1945 bei einem alliierten Bombenangriff getötet wurde. Seine Tochter Olena heiratete einen Schweizer Verleger, und die Ikone war lange Zeit in ihrem Besitz.

„Erschossene Elite“

Wer im Exil war, konnte von Glück im Unglück reden. Fast gleichzeitig mit der Ikonenschau eröffnete das Museum eine kleine Ausstellung über die Opfer der Sowjetherrschaft („Erschossene Elite – die Dimension von Bykiwnja“). Bykiwnja ist jenes Massengrab am Rande von Kiew, das wohl als die größte Begräbnisstätte eines kommunistischen Regimes weltweit angesehen werden kann. Hier ruhen im sandigen Boden – inzwischen sind Kiefern darüber gewachsen – die Opfer von Massenerschießungen der Stalinzeit. Auf der „Mauer des Gedenkens“, den Namenstafeln im Wald, sind etwa 20.000 Opfer verzeichnet. Insgesamt geht der Chef der Bykiwnja-Gedenkstätte, Bohdan Biljaschiwskyj, für dieses Waldstück von 50.000 bis 70.000 Opfern aus. Auch ein Teil der 1940 von den Sowjets erschossenen polnischen Kriegsgefangenen wurde hier verscharrt. Erst unter Gorbatschow deckte eine Kiewer Bürgerinitiative 1989 auf, dass all dies nicht „Opfer der Faschisten“ waren, wie ein Gedenkstein bis dahin verkündet hatte, sondern, wie man mit Entsetzen feststellte, „Opfer der Unsrigen“. 2012 eröffneten die Präsidenten der Ukraine und Polens im Kiefernwald eine eindrucksvolle Doppelgedenkstätte. Die Ausgrabungen ruhen derzeit; doch weiterhin wird nach weiteren Opferlisten geforscht, vor allem im einstigen Kiewer KGB-Archiv.

Die Ausstellung im Museum widmet sich weniger den großen Linien, vielmehr einer Handvoll Schicksale. Da ist etwa der Hauptmann Fjodor Mereschko, stellvertretend für 15.000 in der Ukraine unter Stalin ermordete Militärs, fast alles verdiente Veteranen des Bürgerkriegs. Doch die Revolution fraß nicht nur ihre Kinder; sie verschlang auch (vermeintlich) Andersdenkende, etwa den früheren Direktor dieses Museums, Anton Lewkowytsch, oder den Bischof Wasyl Lypkiwskyj, der versucht hatte, eine eigenständige orthodoxe Kirche der Ukraine zu gründen. Sie alle wurden erschossen – hinterließen jedoch Kleidungsstücke, Fotos oder im Falle Lypkiwskyjs einen Bischofsstab, eine Leihgabe des Enkels des Ermordeten.

Eine dritte Ausstellung ist der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) der Kriegs- und Nachkriegszeit gewidmet. Sie wird hier charakterisiert als Teil des „heldenhaften Kampfes gegen zwei totalitäre Imperien“, das Dritte Reich und die Sowjetunion. Trotz der drohenden „physischen Vernichtung“ der Ukraine als Nation sei es den UPA-Partisanen gelungen, im Untergrund eine schlagkräftige Armee aufzubauen, die der Sowjetmacht etwa bis 1954 Widerstand leistete. Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Fotos von illegalen Druckerpressen illustrieren die Darstellung.

Als eine besondere Leistung wird der „Große Zug“ nach Westen geschildert, in dem 1947 mehrere hundert bewaffnete Partisanen sich aus dem ostpolnischen Grenzgebiet bis nach Bayern durchschlugen, um ihren politischen und militärischen Kampf vom Westen aus fortzusetzen. Nicht erwähnt wird, dass der Kommandeur dieses Zugs, Mychajlo Duda, vor dem Krieg im Dritten Reich geschult wurde. 1941 kam er unter deutschem Befehl zum Einsatz: im aus Ukrainern bestehenden Bataillon „Roland“.

Die problematische Ideologie und die partielle Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern sind die Leerstelle in der Ausstellung, die zwar „Irrtümer und Scheitern“ der UPA erwähnt, sie aber in eine lineare Geschichte des Befreiungskampfes einordnet, die mit der Entkolonisierung, der Erlangung der Unabhängigkeit vieler Völker Mittel- und Osteuropas nach 1989 ihren krönenden Abschluss findet.

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