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Demokratie in der Ukraine : Die Folgen der Revolution? Ein Leseboom!

  • -Aktualisiert am

Für Selbstbehauptung auf Ukrainisch: Jewhen Nyschtschuk. Bild: Picture-Alliance

In der Ukraine herrscht Meinungsfreiheit, sagt der Kulturminister Jewhen Nyschtschuk. Doch zugleich müsse man sich gegen russische Propaganda wappnen: Bestandsaufnahme einer Gratwanderung.

          Herr Nyschtschuk, die Ukraine war in diesem Jahr mit großem Aufgebot auf der Frankfurter Buchmesse präsent. Was sind wichtige Entwicklungen in der ukrainischen Literatur?

          Wir erleben gerade bei jungen Menschen einen Leseboom. Das Interesse an ukrainischer Literatur hat seit der Revolution 2014 stark zugenommen. Thematisch spielen die politischen Konflikte im Land eine wichtige Rolle, neuerdings aber auch Fragen, die für Europa interessant sind wie die Genderfrage. Wichtig ist, dass Schriftsteller die volle Freiheit haben, zu schreiben, worüber sie wollen. Es gibt keine staatlichen Bestimmungen, keine Zensur.

          Es gab aber im Dezember 2016 ein Gesetz zum Verbot von Büchern, die Russland verherrlichen und antiukrainisch sind. Schon vorher wurden russischsprachige Bücher, Filme, Serien verbannt.

          Es geht hier nicht um ein Verbot, sondern um die Begrenzung von bestimmten Propagandaprodukten aus einem Aggressorstaat. Literatur aus Russland kann offiziell importiert werden, es muss aber geprüft werden, ob sie nicht Propaganda gegen die Ukraine enthält.

          . . .also doch Zensur. . .

          Es gibt Dinge, die wir nicht hinnehmen können, etwa dass in einem Schulbuch Stalin verherrlicht wird. Außerdem muss erwähnt werden, dass seit der Einführung des Gesetzes nur 89 Buchtitel betroffen waren.

          Die ukrainische Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren viel demokratische Reife und die Fähigkeit zu kritischem Denken bewiesen. Könnte man nicht erwarten, dass die Leute selbst erkennen, was Propaganda ist und was nicht?

          Der Propagandaapparat verfügt über große Ressourcen, wenn wir von Medien und Finanzen sprechen. Die beste Waffe dagegen ist tatsächlich der menschliche Intellekt. Allerdings gibt es Kinder, die solche Bücher lesen können. Die müssen wir vor Propaganda schützen.

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          Welche Auswirkungen hatte die Liberalisierung der Visabestimmungen auf den künstlerischen Austausch mit dem restlichen Europa?

          Menschen, die Kultur machen, haben eines gemeinsam: Sie wollen Grenzen überwinden. Für uns war die Visaliberalisierung so wichtig, dass wir sie mit dem Fall der Berliner Mauer vergleichen. Sie hat auch hier auf der Buchmesse die Konzeption unseres Nationalstandes beeinflusst: Wir versuchen zu zeigen, wie Ukrainer mit Europa und Europäer mit der Ukraine verbunden waren. Wir haben Postkarten mit Schriftstellern wie Bruno Schulz gemacht. Sie sollen unterstreichen, wie viel die ukrainische Kultur mit der europäischen zu tun hat.

          Welche Rolle spielte die Literatur für die ukrainische Nationalbewegung?

          Da es an Staatlichkeit fehlte, waren die Nationalschriftsteller eine Art politische Führung. Taras Schewtschenko, Iwan Franko, Lesja Ukrainka, das waren die drei Gründer unseres Denken, unserer Identität, unserer Kultur. Es wird heute hervorgehoben, wie modern diese „Gründer“ damals dachten, um sie einem jungen Publikum näherzubringen. Ihre Bücher werden mit neuem Design und modernen Abbildungen versehen. An unserem Nationalstand kann man zum Beispiel eine kleine Iwan-Franko-Enzyklopädie finden, die kindergerecht gestaltet wurde.

          Iwan Franko ist der Namensgeber Ihrer Heimatstadt. Die Westukraine orientierte sich schon immer stärker am Westen als die östlichen Regionen…

          Da spielte natürlich die geographische Zugehörigkeit eine wichtige Rolle. Jedes große Land hat kulturelle Unterschiede. Aber als der bewaffnete Konflikt mit Russland begann, wurde eindrucksvoll deutlich, wie sehr die Menschen bereit waren, die Ukraine zu verteidigen, nicht nur im Westen, sondern auch im Osten.

          Es gibt aber dennoch zwei Nationenkonzepte, die miteinander konkurrieren – die Vorstellung eines politisch-kulturell einheitlichen Nationalstaates und die einer föderalen Struktur.

          Natürlich haben verschiedene Regionen verschiedene Einflüsse. Aber jetzt ist es wichtig, alles dafür zu tun, dass wir eine demokratische Einheit bilden. Die kulturelle Vielfalt kann dabei sogar die politischen Auseinandersetzungen bekämpfen und das Land wieder zusammennähen.

          Was denken Sie über das neue Bildungsgesetz, das die Schulbildung künftig nur noch auf Ukrainisch ermöglichen soll? Auch EU-Nachbarn wie Polen, Ungarn oder Rumänien sehen das wegen ihrer Minderheiten in der Ukraine kritisch.

          Aber das Gesetz schafft doch genau für diese Menschen mehr Möglichkeiten, sich später selbst zu verwirklichen. Das betrifft den Arbeitsmarkt und den Zugang zu Universitäten. Wir gehen davon aus, dass jeder Bürger die gleichen Chancen haben muss und seine Selbstverwirklichung nicht in Ungarn oder Rumänien, sondern in der Ukraine suchen soll.

          Seit 2014 wurden zahllose Leninstatuen entfernt, Straßen und Plätze umbenannt. Warum ist für die Ukraine die Entsowjetisierung so wichtig?

          Die Entkommunisierung war eine Antwort des Gesetzgebers auf eine gesellschaftliche Nachfrage. Viele Straßen und Städte sind nach ukrainischen kulturellen und historischen Persönlichkeiten benannt worden, die während des Kommunismus verbannt waren. Dabei werden Denkmäler während der Entkommunisierung nicht zerstört. Sie sollen erhalten und in einem Museum des Totalitarismus ausgestellt werden.

          Jewhen Nyschtschuk wurde 1972 im westukrainischen Iwano-Frankiwsk geboren. Der Theater- und Filmschauspieler betätigte sich nebenberuflich auch als politischer Aktivist. Nach der Euromaidan-Revolution gegen Viktor Janukowitsch wurde er ukrainischer Kulturminister und hat nach einem Intermezzo den Posten seit April 2016 zum zweiten Mal inne. Als Minister setzt er sich für die unabhängige Finanzierung von künstlerischen Projekten ein, die Popularisierung des Lesens und die Förderung von ukrainischen Kulturdenkmälern.

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