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Ukraine-Krise : Lesen Sie Putins Stellenbeschreibung

Vom Konflikt zur Kraftprobe

Es spricht für Europas Blindheit, dass es nicht im ureigenen Interesse Ruhe im östlichen Vorgarten anstrebt. Dass der Bär, nicht von ungefähr Russlands Symboltier, das bezeichnenderweise auch das Parteiwappen der Kremlpartei „Einiges Russland“ ziert, ein gefährliches Raubtier ist, weiß man nicht erst seit gestern. Und dass Raubtiere wie auch Staaten aggressiv werden, wenn man ihnen auf den Pelz rückt, ist ebenfalls bekannt. Dass sie überdies, wenn man keinen Sicherheitsabstand wahrt, angreifen, kann man aus Tierfilmen lernen. Doch mit dem Flirt, den Nato und EU mit der Ukraine begannen, signalisierte der Westen, dass er seinen Fuß letztlich auch in die Bärenhöhle setzen könnte.

Russland ist kein Rechtsstaat nach europäischem Muster. Aber selbst für Europa gilt, dass erst physisch ein Territorium gesichert sein muss, beispielsweise durch Bestätigung und Anerkennung der Grenzen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gezogen wurden, bevor man dort einer Rechtsordnung zur Gültigkeit verhelfen kann. Im Falle Russlands, für das der Flottenhafen auf der Krim eine tragende Säule des Staatsgebäudes ist, bedeutet schon die Möglichkeit einer ukrainischen Nato-Partnerschaft physische Bedrohung, also Alarmstufe Rot. Der Westen, der mit dem Gedanken einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine spielte und jetzt die Illegalität der russischen Krim-Annexion verdammt, verhält sich wie jemand, der einem ungehobelten Nachbarn erst ein Bein stellt, sich dann über seine ruppige Gegenwehr wundert und ihm danach Strafpredigten hält.

Der Ukraine möchte man alles Glück und Gelingen wünschen. Doch ihre politische Führung hat noch die allerersten Hausaufgaben zu erledigen, nämlich die tiefgespaltene Nation zu versöhnen, beispielsweise durch einen Bundesstaat, sowie mit dem östlichen Nachbarn, der zugleich ein naher Verwandter und Hauptwirtschaftspartner ist, ein Auskommen zu finden. Bisher haben sich weder die Regierenden, die den internen Konflikt zur Kraftprobe zwischen den Bevölkerungsgruppen eskalieren ließen, noch ihre westlichen Berater, die sie davon nicht abbringen konnten oder wollten, ein Reifezeugnis ausgestellt.

Katastrophe oder Apokalypse

Denn die Rebellen in der Ostukraine werden zwar von Russland mit Militärtechnik und Personal unterstützt. Aber sie pauschal als „Separatisten“ darzustellen, wie es Kiew und die westlichen Medien tun, ist falsch, wenngleich heute viele Ostukrainer nicht mehr dem Staat angehören wollen, der ihre Häuser bombardieren ließ. Doch selbst der westukrainische Schriftsteller Jurko Prochasko hob kürzlich auf dem Erlanger Poetenfest eigens hervor, dass die Aufständischen sich ursprünglich selbstverständlich als Ukrainer fühlten und nie in einem anderen Land leben wollten. Die derzeit verfahrene Lage steht im traurigen Kontrast zu der politischen Weisheit, die einst Finnland im Umgang mit dem gefährlichen Nachbarland walten ließ.

In diesem Konflikt haben alle viel verloren, vor allem die Ukraine, ohnehin ein ökonomisches Katastrophengebiet, aber auch Russland und Europa. Nur der transatlantische Verbündete nicht, das oberste Nervenzentrum in seiner geostrategisch exzeptionell begünstigten Lage. Präsident Obama hat treffend bemerkt, sein russischer Kollege Putin sei aus Schwäche aggressiv, nicht aus Stärke. Schade nur, dass der Spieltrieb der Amerikaner so viel Spaß daran findet, diese Schwäche auszunutzen und Russland zu reizen und zu destabilisieren.

In den von Snyder so genannten „Bloodlands“ steht man erfahrungsgemäß selten vor der Wahl zwischen einem schlechten und einem besseren Regime, sondern öfter vor der Alternative zwischen einer Katastrophe und der Apokalypse. Eine Verschlimmerung ist immer möglich, und zwar schnell. Einige Russen fürchten sich jetzt schon vor Putins Nachfolger. Was diese leidgeprüfte Region und auch Europa am allerwenigsten brauchen, ist eine Chaosstrategie.

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