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Ukrainisches Weltkulturerbe : „Es ist wahrscheinlich schon zu spät“

Nicht die Keimzelle der Sowjetunion: die Sophienkathedrale in Kiew, einst die Hauptkirche der Kiewer Rus. Bild: EPA

Durch den Krieg und die russischen Bomben sind die Welterbestätten und Museen der Ukraine bedroht. Doch die Unesco und ihre Partner tun sich mit der Suche nach Auswegen schwer.

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          Als die Bomben auf dem Friedhof der Holocaustgedenkstätte Babyn Jar einschlugen, schreckte die Weltgemeinschaft auf. „Was wird danach kommen?“, fragte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer emotionalen Videobotschaft. „Die Sophienkathedrale? Die Lawra? Die Andreaskirche?“ Bei allen drei Gotteshäuisern handelt es sich um Welterbestätten, die jetzt wegen des russischen Angriffskrieges gefährdet sind.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Wenige Tage später verbreiteten sich Bilder aus der westukrainischen Stadt Lwiw: Sie zeigten Freiwillige, die barocke Skulpturen mit Schutzfolie einwickeln. Auf dem Galizischen Platz wurden Gebäudefassaden abgeklebt und Sandsäcke aufgetürmt, aus Angst vor Bombenschäden. Aus der armenischen Kathedrale, die zwischen 1356 und 1363 errichtet wurde, trugen Männer die Jesusstatue, um sie in einen Bunker zu bringen. Ähnliche Szenen spielen sich derzeit in Odessa, Charkiw und Schytomyr ab. Kunstwerke werden abgebaut und ausgelagert, um sie vor russischen Bombenangriffen zu schützen.

          „Uns fehlen Informationen, Kataloge und Wissen“

          Während Russland seinen Krieg in der Ukraine fortsetzt, hat die Unesco in der vergangenen Woche dazu aufgerufen, das ukrainische Kulturerbe zu schützen – besonders die sieben Welterbestätten und die 5000 Museen. Unesco-Präsidentin Audrey Azoulay verurteilte die Schäden in Charkiw und dem historischen Zentrum von Tschernihiw, das auf der vorläufigen Liste des Weltkulturerbes steht.

          Noch sind Welterbestätten offenbar nicht schwer getroffen worden; und abgesehen vom Kunstmuseum in Iwankiw, das mitsamt den Werken der Malerin Marija Prymatschenkobei in Brand geriet, wurden bisher kaum Verluste von Kulturgütern offiziell erfasst. Doch von dem, was in den nächsten Wochen droht, zeichnen die Unesco und der Museumsverband International Council of Museum (ICOM), ein düsteres Bild. Und aus den Orten, die direkt nach Kriegsbeginn an der Front lagen, gibt es kaum Lageeinschätzungen zu den Kultureinrichtungen. „Uns fehlen Informationen, Kataloge und Wissen“.

          „Der Krieg hat uns überrumpelt“

          Die internationalen Welterbeverbände arbeiten fieberhaft an einer Antwort auf die Frage, wie sich jetzt noch der Schutz der ukrainischen Kulturerbestätten und der Museumssammlungen soweit als möglich sicherstellen lassen. „Wir sind zutiefst betroffen und haben noch nicht wirklich eine Antwort, aber die ersten Schritte beginnen jetzt“, sagt Beate Reifenscheid, seit 2017 Präsidentin der deutschen Sektion von ICOM. Minütlich klingelt bei ihr das Telefon, denn sowohl ukrainische Kollegen als auch deutsche Museumsleiter melden sich mit Hilferufen und Ideen. Für die Ausarbeitung einer Strategie hat die Zeit noch nicht gereicht.

          „Der Krieg hat auch uns überrumpelt. Es geht jetzt darum Sammlungen in der Ukraine zu erfassen, Kulturgüter digital zu katalogisieren und vor den Bomben zu konservieren“. Das sei eine Herkulesaufgabe für die ukrainischen Kollegen, die zum großen Teil selbst auf der Flucht seien. Es gibt Berichte, dass es an Lastwagen mangelt, um Kunstgegenstände in die Westukraine zu bringen.

          Die größten Schätze der Russischen Orthodoxen Kirche sind die großen Lawra-Klöster.
          Die größten Schätze der Russischen Orthodoxen Kirche sind die großen Lawra-Klöster. : Bild: Picture-Alliance

          Auch der Peter Keller, Generaldirektor des ICOM, sorgt sich. In der Ukraine zählt der Verband einhundert Mitglieder. „Die Evakuierung der Sammlungen ist eine Option, aber in Städten wie Charkiw ist es wahrscheinlich schon zu spät“, sagt der Kunsthistoriker. Trotz des Überraschungsangriffs hätten Museumsmitarbeiter versucht, „die Sammlungen zumindest in Sicherheit zu bringen, ins Untergeschoss des Museums oder mit Stacheldraht zu sichern“. Eine Evakuierung der Sammlungen vor Kriegsbeginn sei daran gescheitert, dass eine Genehmigung nötig gewesen sei, für die sich die ukrainischen Kollegen vergeblich eingesetzt hätten.

          Angst vor Plünderungen und illegalem Verkauf

          Auf der internationalen Ebene werden gerade erste Idee ausgetauscht, wie auf den Krieg in der Ukraine zu reagieren ist. Es stehen Pläne zur Debatte, trotz aller logistischen und rechtlichen Schwierigkeiten ukrainische Sammlungen in die Nachbarstaaten zu retten. Zudem planen die europäischen Museen, geflüchtete Mitarbeiter einzustellen. Die Rede ist auch von einer Task-Force „Welt- und Kulturerbe“ wie im Syrien-Krieg. „Der Krieg drückt sich ja nicht nur durch Bombardierungen aus, sondern durch die Folgen von Angriff und Besatzung – wir sorgen uns vor Plünderungen, und dem illegalen Verkauf von Kulturgütern“, sagt Reifenscheid.

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