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Gergiev, Netrebko und Putin : Ein Dirigent unter Boykott

Am 8. Oktober 2021 eröffnete Valery Gergiev die Isarphilharmonie in München. Da war seine politische Gesinnung schon bekannt, aber noch kein Kündigungsgrund. Bild: Peter Kneffel/dpa

In ganz Westeuropa wird die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Valery Gergiev beendet. Mit Anna Netrebko sucht man noch das Gespräch. Unterdessen wechseln in Russland ehemalige Putin-Unterstützer die Seiten und erklären sich gegen den Krieg.

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          Nach Verstreichen des Ultimatums an den Dirigenten Valery Gergiev, sich von Wladimir Putin und dessen Einmarsch in die Ukraine zu distanzieren, beenden sowohl die Mailander Scala als auch die Münchner Philharmoniker die Zusammenarbeit mit ihm. Gergiev hatte, wie nicht anders zu erwarten, bis zuletzt geschwiegen. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) teilte am Dienstagvormittag mit, es werde von sofort an keine weiteren Konzerte der Münchner Philharmoniker unter der Leitung Gergievs geben. Eine Distanzierung des Künstlers wäre „für das Orchester, sein Publikum, die Öffentlichkeit und die Stadtpolitik unabdingbar gewesen“, um weiter zusammenzuarbeiten. So bleibe „nur eine sofortige Trennung“.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Nun würde Gergievs Vertrag als Chefdirigent in München, der 2015 begann, eigentlich noch bis 2025 laufen. Die genaue juristische Prüfung einer solchen Kündigung kommt gewiss noch auf die Stadt zu. Politische Überzeugungen von Künstlern sind als Kündigungsgrund für Verträge nicht unproblematisch. Womöglich stellt Gergiev Schadenersatzforderungen. Das Management der Münchner Philharmoniker war gegenüber dieser Zeitung zu keiner weiteren Stellungnahme bereit. Zu klären wäre auch, ob der Oberbürgermeister vor der Vertragskündigung überhaupt, was nötig wäre, den Hauptausschuss des Münchner Stadtrats eingeschaltet hat. Einen unangenehmen Beigeschmack von Heuchelei hat der Rauswurf ohnehin, denn Gergiev erklärte sich bislang eben mit keiner Silbe für oder gegen Putins Überfall auf die Ukraine. Seine Kündigung erfolgt einzig auf Basis politischer Hochrechnungen aus Haltungen, die seit 2014 bekannt waren und einer Ernennung Gergievs 2015 nicht im Wege gestanden haben.

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