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Boykott russischer Kunst : Die Droge, das Richtige zu tun

  • -Aktualisiert am

Alexander Melnikov in seinem Studio in Berlin-Wilmersdorf Bild: Jens Gyarmaty

Hilfe für die Ukraine ist das Gebot der Stunde. Der Pianist Alexander Melnikov findet: Das Verbot russischer Kunst im Westen verletzt elementare Grundrechte der Zivilisation. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          In Vorkriegszeiten – ein Wort, dessen Bedeutung sich gerade dramatisch verändert – hatte ich mir etwas Abstand herausgenommen gegenüber Russland, wo ich seit Jahren nicht mehr lebe. Mit Ausbruch des Krieges jedoch begann ich, meine russische Identität zu fühlen. Sie besteht heute weitgehend aus brennender Scham. Dmitri Peskow, Putins Pressesprecher, sagt, wer sich schäme, Russe zu sein, der sei kein Russe. Da bitte ich doch um Differenzierung. Ich kann nicht einstimmen in das Geschrei, jetzt sei nicht die Zeit, sich um Russland zu kümmern, während die Bomben auf ukrainische Städte fallen. Ich kann es nicht, gerade weil die Bomben russisch sind.

          „Sie wollte sich wieder erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. ‚Herr Gott, vergib mir alles!‘, sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend.“ Der Tod von Anna Karenina gehört zu den atemraubendsten Momenten der Weltliteratur. Diese Worte von Lew Tolstoi kamen mir am düsteren Morgen des 24. Februar sofort in den Sinn, als ich mich von der ungeheuren und unerbittlichen Kraft der Geschichte vor den Kopf gestoßen fühlte. Diese Worte gehören auch zum unveräußerlichen Code der russischen Kultur, deren Bedrohung der eigentliche Anlass dieser Notizen ist.

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