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Krieg in der Ukraine : Eine Dorfstraße für Boris Johnson

  • -Aktualisiert am

Eine Bewohnerin der Wladimir-Majakowski-Straße, die bald Boris-Johnson-Straße heißen soll Bild: Serge Poliakov

Weil Boris Johnson großzügig Waffen an die Ukraine liefert, ehrt ihn das Land mit einer Straße in der Nähe von Odessa. Ein Besuch dort zeigt: Olaf Scholz sollte sich auf das Schlimmste gefasst machen.

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          Es ist eine schöne Geste, dass die Verantwortlichen der Stadtverwaltung von Odessa Boris Johnson für seine großzügigen Waffenlieferungen an die Ukraine mit einer Boris-Johnson-Straße be­lohnen möchten. Zweifellos hat sich der britische Premierminister in den vergangenen Wochen für die von Putins Truppen überfallene Ukraine mächtig ins Zeug gelegt. Erst un­längst versprach er dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einem überraschenden Besuch in Kiew gepanzerte Fahrzeuge und Anti-Schiffsraketensysteme.

          Auch zu­vor hatte sich das Vereinigte Königreich im Gegensatz zu Zauderdeutschland nicht lumpen lassen. Geliefert wurden Panzer­abwehr­ra­keten, Javelin-Raketen sowie Luft­abwehr­raketen des Systems Star­streak. Rhetorisch zog Johnson ebenfalls alle Register. In einer Videoansprache an das ukrainische Parlament zitierte er die Durchhaltereden seines Vorgängers Winston Churchill aus dem Zweiten Weltkrieg: „Dies ist die Sternstunde der Ukraine, ein episches Kapitel in Ihrer nationalen Geschichte, das über Generationen hinweg erinnert werden wird. Die Ukraine wird gewinnen, die Ukraine wird frei sein.“

          Bei derart viel Engagement sollte eine eigene Straße doch wohl drin sein. Gut, dass Odessa reich an schönen, von Bäumen gesäumten Straßen mit prachtvollen Bauten in Zitronengelb, Zartgrün, und Rosa ist. Wie also wäre es zu Ehren des Premiers mit dem be­rühmten Primorskyj Boulevard, der an der Potemkinschen Treppe vorbeiführt? Oder der Flanier- und Ausgehmeile Deribasovskaya? Dort gibt es sogar einen Irish Pub! Aber nichts da. Die Perlen hebt sich Odessa offenbar für Joe Biden auf. Nach Boris Johnson soll die Wladimir-Majakowski-Straße in Fontanka be­nannt werden, einem Ort am Stadtrand. Ein verstecktes Juwel?

          Man fährt hin. Biegt in eine dörfliche Straße ab. Plötzlich liegt sie vor einem: die Wladimir-Majakowski-Straße, benannt nach dem unglücklichen russischen Lyriker. Kurzes Augenreiben. Ob man hier richtig sei? Der Fahrer nickt. Die Straße, eher ein breiter Weg, ist nicht in allerbestem Zustand. Majakowski hat sich 1930 erschossen. Immerhin, die Häuschen sind gepflegt, und in den Gärten blühen Blumen. Ob der Premierminister sich hier wohlfühlen wird? Mit etwas gutem Willen könnte man der Wladimir-Majakowski-Straße das Etikett „charmant“ anheften. Das Meer ist nah, es weht ein leichter Wind.

          Eine Frau hängt Wäsche ab. Was sie davon hält, dass die Straße bald Boris-Johnson-Straße heißen soll? Sie reckt den Daumen hoch: „Good guy!“ Eine ältere Dame, gestützt auf einen Stock, schimpft sogleich los. Bloß nicht noch mehr Waffen! Der Krieg müsse endlich aufhören. Straßenumbenennungen sind eben Zankäpfel. Immerhin ist die zukünftige Boris-Johnson-Straße keine Sackgasse mit einer Müllverbrennungsanlage. Olaf Scholz sollte besser mit dem Schlimmsten rechnen.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

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