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Ukraine-Berichterstattung : Das schreckliche Wort „Krieg“

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Menschen sterben im Osten der Ukraine. Kommt der Frieden, wenn man das nur einen Konflikt nennt? Bild: SIPA

Russland führt einen Krieg gegen die Ukraine. Den darf man in Deutschland aber nicht so nennen. Warum eigentlich?

          In der Meerenge von Kertsch wurden drei Boote der ukrainischen Marine von russischen Kriegsschiffen angegriffen: gerammt, beschossen und in einen russischen Hafen abgeschleppt. 23 ukrainische Marinesoldaten wurden festgesetzt, darunter drei vermutlich schwerverletzte. Sie wurden von Russland wegen des „illegalen Grenzübertritts“ vor Gericht gestellt und in die Untersuchungshaft geschickt – und nicht als Kriegsgefangene behandelt. Denn offiziell gibt es zwischen Russland und der Ukraine keinen Krieg, obwohl dieser Krieg schon fast fünf Jahre dauert und mehr als zehntausend Todesopfer allein auf der ukrainischen Seite gefordert hat. Vor mehr als vier Jahren wurde die ukrainische Krim von Russland annektiert; die von Russland unterstützten Banden halten Gebiete im Osten der Ukraine immer noch besetzt; mehr als zwei Millionen Binnenflüchtlinge können von der Rückkehr nach Hause nur träumen. Selbst der Hafen, in den die zum russischen Geheimdienst FSB gehörende Küstenwache die ukrainischen Boote gebracht hat, befindet sich eigentlich gar nicht in Russland, sondern auf dem besetzten ukrainischen Hoheitsgebiet.

          Die groteske Art, wie die russische Führung diesen Krieg schon seit Jahren leugnet, sorgt selbst in Russland für Lacher: So werden im Volksmund die eigenen Soldaten, die in anderen Ländern Krieg führen, „Ichtamnety“ genannt, übersetzt heißt es ungefähr „Esgibtsiedortnichte“. Die Ukraine dagegen lebt im Krieg und spricht vom Krieg, „vor dem Krieg“ heißt dort „vor 2014“ und nicht „vor 1941“, wie in Russland.

          Deswegen dachten viele Menschen in der Ukraine, der russische Überfall auf ihre Schiffe könnte international zum game changer werden: war es doch der erste direkte, offene, unverschleierte und dazu völlig unprovozierte Angriff des russischen Militärs auf die ukrainischen Streitkräfte. Jetzt, dachten sich viele Ukrainer, wird die Welt endlich einsehen, dass in der Ukraine Krieg herrscht.

          Konflikt, Konfrontation, Zwischenfall

          Sie müssen schwer enttäuscht sein: Zumindest in Deutschland sprechen die Politik und die Medien beharrlich weiter vom „Ukraine-Konflikt“. Konflikt, wirklich? In der Ukraine wird dieser Sprachgebrauch gern mit harten Metaphern verspottet. Eine Vergewaltigung, heißt es, sei letztendlich auch nur ein Interessenkonflikt: Das Interesse der einen Konfliktpartei ist sexuelle Befriedigung, das Interesse der anderen körperliche Unversehrtheit. Beides menschlich und legitim, oder? Der in Kiew lebende russische Journalist Arkadi Babtschenko, dessen vorgetäuschte Ermordung im Mai dieses Jahres großes Aufsehen erregte, druckte sich drastischer aus: „Man redet nicht vom Konflikt Hitlers mit den Juden, man redet vom Holocaust.“ Entsprechend skeptisch betrachtet man in der Ukraine europäische Vermittlungsversuche.

          Zur gleichen Zeit berichten etliche deutsche Medien so: „Moskau und Kiew liefern sich einen Konflikt in der Straße von Kertsch.“ Oder: „Die Konfrontation zwischen Russland und der Ukraine spitzt sich weiter zu.“ Oder sogar „Ukraine gegen Russland: Kreml warnt vor Eskalation wegen Kertsch-Zwischenfall.“ Im Leitartikel der „Frankfurter Rundschau“ vom 27. November wurde allen Ernstes behauptet, in Moskau und Kiew fehle der Wille, den Krieg in der Ostukraine zu beenden, die Europäische Union müsste den Druck auf die Akteure erhöhen: „Es spielt überhaupt keine Rolle, wer wen in der Seestraße von Kertsch provoziert hat. Genauso wie es keine Rolle spielt, ob im Osten der Ukraine die Russland-nahen Separatisten oder ukrainischen Soldaten die Waffenruhe ständig brechen.“ Aber eine Sache muss man dem Autor Viktor Funk zugutehalten: Immerhin benutzt er das Wort „Krieg“, das man in Deutschland am allerliebsten ganz vermeidet.

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