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Überwachung in Großbritannien : Die geistige Verarmung der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

„Kultur von Spionage und Angst“

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht über das Crossrail-Projekt wird ein aufschlussreiches Beispiel erwähnt: Diese Eisenbahnlinie, gegenwärtig die größte Baustelle in Europa, ist als Ost-West-Expressverbindung im Großraum London geplant. Die Arbeiter stehen unter ständiger Überwachung, „damit das Vorhaben sicher, pünktlich und im Kostenrahmen beendet werden kann“. Kontrolleure fotografieren oder filmen Leute, die unter gefährlichen Bedingungen arbeiten, und schicken die Bilder per E-Mail weiter. Dem Bericht zufolge herrscht dort eine „Kultur von Spionage und Angst“. Die Arbeiter, die Unregelmäßigkeiten und Unfälle melden sollen, trauen sich nicht mehr, den Mund aufzumachen, weil sie ihre Entlassung befürchten. Wenn sich da nichts ändert, wird es in ganz Großbritannien eines Tages so zugehen wie auf dieser Baustelle.

In Großbritannien hat es schon immer Widerstand gegen Übergriffe des Staates gegeben, von unerschrockenen Einzelpersonen und Organisationen, die die Verhältnisse kritisieren und notfalls die Gerichte anrufen, manchmal mit Erfolg. Auf diese wenigen aktiven Bürger kommt es an, aber den Ausschlag gibt natürlich die Mehrheit, was immer sie tut oder nicht tut.

Bei den Europawahlen haben in vielen Ländern der EU rechtspopulistische Parteien großen Zulauf gefunden. Nationalistische Ressentiments kommen an, weil immer mehr Leute sich ohnmächtig fühlen. Sie glauben, man müsse nur die Macht der EU beschneiden, dann würden sie selbst mehr zu sagen haben. Sie schieben ihre privaten und nationalen Probleme auf Europa. Parteien wie in Großbritannien die rechte euroskeptische Ukip fallen nicht vom Himmel. Sie ziehen Wähler an, die sich übergangen fühlen und für das Establishment nur Zynismus übrig haben.

Unter vier Augen

Die Anti-EU-Rhetorik, die den Briten jahrzehntelang vorgesetzt wurde, eine Mischung aus Halbwahrheiten und gezielter Desinformation, ist nach hinten losgegangen. Die Leute merken nicht, dass sie mit ihrem Nein zu Europa gegen ihre eigenen Interessen handeln. So unvollkommen die EU auch sein mag, ihre Institutionen sind besser als die Summe ihrer Teile. Immer wieder werden die Mitgliedstaaten ermahnt, höchste Rechtsstandards einzuhalten. Die jüngste Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur Vorratsdatenspeicherung ist ein gutes Beispiel in unserem Kontext. Es ist eines der deutlichsten Urteile in Sachen Datenschutz seit Snowden. Die EU wird oft mit der Abschaffung von Grenzen gleichgesetzt - Staatsgrenzen, Handelsschranken -, aber sie steht auch für die Aufrechterhaltung der allerwichtigsten Grenze: derjenigen, die das Privatleben des Einzelnen schützt, ob vor Staat, Unternehmen oder Lebenspartner. Es gibt mir die Hoffnung, dass der britische Überwachungsstaat am Ende gezähmt werden kann - sofern sich das Land nicht schon vorher aus der Europäischen Union zurückzieht.

Das Englische hat viele deutsche Wörter übernommen, die gebräuchlichsten (wie etwa angst, blitz oder kaput) sind etwas negativ gefärbt. Ich würde gern den Ausdruck unter vier Augen einführen, der besagt, dass man etwas vertraulich behandeln will. Die Briten haben, genau wie die Bürger anderer Länder, einen Anspruch darauf, dass sie einander „unter vier Augen“ begegnen können. Wir brauchen kein fünftes Auge.

Die Autorin

Priya Basil hat im Dezember 2013 den internationalen Schriftsteller-Aufruf gegen digitale Überwachung mit initiiert. Sie wurde 1977 in London geboren, wuchs in Kenia auf und studierte englische Literatur in Bristol und wohnt heute in London und Berlin. Auf Deutsch erschien von ihr der Roman „Die Logik des Herzens“ (2012). Die hier in gekürzter Form veröffentlichte Rede hielt sie auf der diesjährigen Internet-Konferenz Re:publica in Berlin.

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