https://www.faz.net/-gsf-7r4vp

Überwachung in Großbritannien : Die geistige Verarmung der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Der Staat greift ein

Die Regierung tat alles, um die beiden Autoren zu diskreditieren und die inkriminierten Personen zu schützen. Die Journalisten wurden wegen Geheimnisverrats angeklagt, wobei sich das Verfahren dadurch auszeichnete, dass die Regierung versuchte, Einfluss auf den Prozess zu nehmen, etwa durch die Ablehnung einzelner Geschworener. Heute wird gegen den „Guardian“ juristisch vorgegangen, der die Informationen Snowdens veröffentlichte. In beiden Fällen wird den Enthüllern vorgeworfen, sie hätten die „nationale Sicherheit“ gefährdet – eine Behauptung, die gern herangezogen wird, wenn es keine andere Begründung gibt.

Es ist die alte Geschichte. Großbritannien wird oft als „Mutter der Demokratie“ bezeichnet. Die Magna Charta von 1215 und die Bill of Rights gelten als Meilensteine in der Geschichte der Menschenrechte. Während des Zweiten Weltkriegs spielte Großbritannien eine herausragende Rolle im Widerstand gegen die Nazis. Doch seit Jahren gehört das Land zu denjenigen Staaten, die eine besonders exzessive Überwachung betreiben. Privacy International spricht in einem Bericht von „endemischer Überwachung“, eine Auszeichnung, die auch Russland und China für sich in Anspruch nehmen können.

Dem Bericht zufolge ist Großbritannien der EU-Staat, in dem es um den Schutz der Privatsphäre besonders schlecht bestellt ist. Großbritannien hat weltweit die meisten Überwachungskameras pro Kopf der Bevölkerung. Man findet sie (besser gesagt: man wird von ihnen gefunden) in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Bussen, Zügen und zunehmend sogar in Taxis. Die Kameras beobachten die Leute in Einkaufszentren, Parkanlagen, Gesundheitseinrichtungen, Restaurants, Fitnessstudios, Banken und in vielen Straßen. Manche sind sogar mit Wischern ausgestattet, damit selbst bei Regen für deutliche Bilder gesorgt ist. Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es eine Überwachungskamera pro vierzehn Personen. In Sekundarschulen gibt es durchschnittlich eine Kamera pro fünf Schüler.

Knapp 4,5 Millionen Kameras sind in Großbritannien im öffentlichen Raum montiert.
Knapp 4,5 Millionen Kameras sind in Großbritannien im öffentlichen Raum montiert. : Bild: dpa

In einem Land, in dem eine solche Überwachung alltägliche Praxis ist, regt sich kaum jemand über die Schnüffelei von Geheimdiensten auf. Die Briten haben sich dank der fünf Millionen Überwachungskameras an ständige Beobachtung gewöhnt. Premierminister David Cameron sagte sogar: „Ich ersuche die Zeitungen, in denen dieses Thema breitgetreten wird, sich ihr Vorgehen gut zu überlegen, denn es besteht die ernsthafte Gefahr, dass unsere Sicherheit am Ende Schaden nimmt.“

Ich habe kürzlich mit einer deutschen Schriftstellerin gesprochen, die nach dem 11.September 2001 begann, sich kritisch mit dem Thema Überwachung auseinanderzusetzen. Auf meine Frage, woher ihr Engagement rühre, antwortete sie, ihr sei sofort klar gewesen, dass mehr Überwachung mit einer Einschränkung der demokratischen Grundrechte einhergehe. Sie habe sich schon früh für Menschenrechte und Grundrechte interessiert, und angesichts der Realität habe sie sich nicht zurücklehnen und so tun können, als sei nichts passiert.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Richtig was los: Der Hamburger Dom hat wieder eröffnet.

Schutz für Geimpfte : Delta-Variante ist kein „Impfkiller“

Stecken sich Geimpfte wegen der Delta-Variante häufiger an und infizieren andere? Die Studien deuten nicht darauf hin. Infizierte Geimpfte könnten von Antikörpern profitieren.
Menschen waten durch das Hochwasser, das im Juli durch starke Monsunregen in der philippinischen Provinz Rizal verursacht wurde.

Neue Studie : Immer mehr Menschen von Hochwasserfluten bedroht

Der Anteil der Bevölkerung, der in von Hochwasser gefährdeten Gebieten lebt, wächst weltweit. Dadurch sind immer mehr Menschen von Extremwetterereignissen und deren Folgen betroffen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.