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Trau, schau, wem: Die CIA unternimmt offenbar beträchtliche digitale Spionage-Aktivitäten. Bild: AP

Wundert es uns, dass die CIA digital spioniert? Nicht wirklich. Das ist die Kehrseite von Big Data. Die Risiken werden leider verdrängt. Daran wird auch der Wikileaks-Hack nichts ändern.

          3 Min.

          Wer hätte das gedacht? Der amerikanische Geheimdienst beschäftigt rund fünftausend Hacker und hört die ganze Welt ab. Die CIA hat Spionageprogramme sonder Zahl für jedes einzelne digitalisierte Gerät auf dem Planeten. Für Smartphones und Tablets, für „intelligente“ Fernseher und all den Schnickschnack, der die Einrichtung eines „smart home“ ausmacht. Sie kann in alle computerisierten Systeme eindringen, sie verbaut Software-Wanzen von Hand oder schleust sie aus der Ferne ein und braucht dann nur noch einzuschalten, um potentielle Feinde, Terroristen, Kriminelle auszuhorchen.

          Ein Headquarter im Cyberwar unterhält die CIA offenbar im amerikanischen Konsulat in Frankfurt. Nichts scheint vor den dort und anderswo stationierten Digital-Spionen sicher zu sein, doch wurden sie augenscheinlich auch selbst gehackt. Sonst könnte die Plattform Wikileaks jetzt kaum mit zunächst 8761 Dokumenten und Dateien der CIA aufwarten, sie unter dem Codenamen „Vault 7“ ins Netz stellen und ankündigen, das sei erst der Anfang, es komme noch mehr. Die Bestände in „Tresor7“ sollen es in den Vereinigten Staaten krachen lassen.

          Das Cyber-Arsenal ist stattlich

          Das werden sie auch tun, wenn erst einmal in allen Einzelheiten beleuchtet wird, wen die CIA in den Jahren 2013 bis 2016 überwacht, welche Schlüsse sie gezogen und mit wem sie zusammengearbeitet hat. Dass sie vorgeht, wie bei Wikileaks nachzulesen, kann indes niemanden verwundern und ist zunächst einmal kein Aufreger. Spionage im Ausland – zur Abwehr von Gefahren – ist die Aufgabe der Central Intelligence Agency. Erstaunlich mag allein scheinen, dass ihr Cyberwar-Arsenal nicht kleiner ist als das der NSA: Als Waffenschmiede sind die Vereinigten Staaten nicht nur konventionell eine Macht.

          Die Frage ist, gegen wen sich diese Waffen richten. Sie sind schließlich universell einsetzbar, gegen vermeintliche Terroristen, gegen unbescholtene Privatleute, gegen Unternehmen und gegen Regierungen. Sie eignen sich für einen geheimen Wirtschaftskrieg, von dem man schon vor dem Amtsantritt Donald Trumps den Eindruck haben konnte, er sei Europa und insbesondere Deutschland von den Vereinigten Staaten längst erklärt worden. Sie können leicht in die Hände von Leuten geraten, denen man ganz andere Sachen zutraut als der CIA.

          Wikileaks führt vor allem vor Augen, wie verwundbar wir in der digitalen Welt sind. Je mehr mit Technik ausgestattet, umso gefährdeter sind wir – wandelnde Festplatten, bereit zum Download, „open access“ rund um die Uhr. Das Gelöbnis der Silicon-Valley-Konzerne, bei ihnen seien unsere Daten – die sie fleißig selbst ausbeuten – in guten Händen, klingt so hohl wie der Vertreterspruch, mit dem der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm hausieren ging: „Die Rente ist sicher.“ Von wegen!

          Wikileaks-Enthüllung : CIA hackt Smartphones und Rechner

          Sicher ist, dass nichts sicher ist

          Sicher vor Zugriff ist nichts: kein Android-Gerät, kein iPhone, kein Google, kein Apple, kein Microsoft, kein Samsung, kein Sony, kein Router, kein Mac, kein Windows, kein Linux. Wie lächerlich wirkt die Weigerung von Apple, dem FBI die Entschlüsselung des iPhones eines Terrorverdächtigen zu gewähren. Da müssten die Polizeibeamten doch nur einmal kurz bei den Kollegen von der Agency anklopfen. Und wie viel weniger witzig erscheint der Vorfall bei der jüngsten Übertragung des „Superbowl“, bei der in manchen Haushalten die neuen „Google Home“-Empfänger auf Sätze reagierten, die in den Werbepausen aus dem Fernseher kamen und die diese für Befehle hielten, denen sie prompt Folge leisteten.

          Die Zeit ist abgelaufen: Wikileaks macht öffentlich, was die CIA alles kann.
          Die Zeit ist abgelaufen: Wikileaks macht öffentlich, was die CIA alles kann. : Bild: dpa

          Setzt sich das Internet der Dinge weiter durch, werden sich nicht nur solche Pannen häufen. Für Hacker, für Spione wie für Kriminelle oder Terroristen ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten der – sagen wir es neutral – Einflussnahme, ohne Spuren zu hinterlassen. Der perfekte Coup, das perfekte Verbrechen sind nur noch eine Frage der Qualität der Software beziehungsweise der Malware. Wer sich angesichts dessen digital vernetztes Mobiliar in die Wohnung stellt oder es gar nicht abwarten kann, in ein selbstfahrendes Auto einzusteigen, am besten bei eingeschaltetem Smartphone und mit einem Personal-Tracker-Armband am Handgelenk, braucht sich nicht zu wundern, dass er nicht mehr Herr der Dinge, sondern selbst Objekt ist.

          Auch das wissen wir und gehen doch zunehmend ein unkalkulierbares Risiko ein, weil die Konzerne die Entwicklung ohne Rücksicht auf Verluste und mit einem Tempo vorantreiben, das den gesellschaftlichen Diskurs über Risiken und Nebenwirkungen überholt, bevor er eingesetzt hat. Und weil sie uns, mit feierlichem Singsang und lieblichem Pathos wie die Schlange Kaa im „Dschungelbuch“, einreden, das alles sei zu unserem Besten und mache das Leben leichter. Etwas Besseres kann den Geheimdiensten gar nicht passieren. Vergebens werden wir indes darauf warten, dass uns Wikileaks die Kehrseite dieser Medaille nicht nur mit Blick auf Amerika zeigt. Wie wäre es mal mit China oder Russland?

          Michael Hanfeld
          (miha.), Feuilleton

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