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„Star Trek“ und die NSA : Datenmissbrauch? Nicht mit Captain Kirk!

  • -Aktualisiert am

Jede Ähnlichkeit der Inneneinrichtungen ist absolut nicht zufällig: Die Crew von Raumschiff Enterprise arbeitet an Bord so effizient ... Bild: Getty Images

Das „Raumschiff Enterprise“ kannte schon unsere Zukunft: Der Kampf gegen allgegenwärtige Überwachung war verloren. Aber das war nicht schlimm. Warum nur?

          Wenn man beim Supermarkt an die Glastür herantritt, geht sie auf. Niemand öffnet sie. Sie geht von alleine auf. Fast wie im Raumschiff Enterprise, es fehlt nur noch der „Wuuuusch“-Sound. Das ist kein Zufall. Unsere Mobiltelefone sahen erst wie Ziegelsteine aus, weil wir sie nicht kleiner machen konnten. Als es dann kleiner ging, sahen sie aus wie die Kommunikatoren aus dem originalen „Star Trek“ mit Captain Kirk, sogar mit Aufklappdeckel. Heute sehen sie aus wie kleine Tablets, die man in „Star Trek“ in den achtziger Jahren sehen konnte. Ja, „Star Trek“ hat Tablets erfunden. „Star Trek“ hat auch gezeigt, dass man lieber mit dem Computer sprechen, als eine Tastatur bedienen will, außer man ist Nerd oder Wissenschaftler. Die nächste Iteration geht in Richtung „Wearable Computing“, Google Glass. Man kommuniziert per Sprachsteuerung und trägt das Gerät die ganze Zeit am Körper. In „Star Trek“ trägt man es wie eine Brosche auf der Brust, bei uns wird man es wie eine Brille tragen.

          ... wie die Untergebenen von NSA-Chef Keith Alexander in der futuristischen Zentrale des Geheimdienstes

          Die medizinischen Geräte in „Star Trek“ haben äußerlich Computertomographen vorweggenommen. Touchscreens und, wie erwähnt, Tablets sah man zuerst in „Star Trek“. Tragbare Speicher als USB- Stick kennen wir auch davon. Beamen, Phaserkanone und Photonentorpedos haben wir noch nicht, aber „Star Trek“ beeinflusst die Realität enorm. In einer „Star Trek“-Folge gibt es ein virtuelles Pokerspiel auf dem Holodeck, einer Art interaktivem 3D-Kino. Einer der vom Computer simulierten Gäste ist der berühmte Physiker Stephen Hawking. Als man ihm nach dem Filmen die Kulissen vorführt, zeigt er mit dem Finger auf den Warpantrieb und erklärt den staunenden Fernsehmachern, daran werde gerade gearbeitet. Auch an Holodeck-Technologie wird gearbeitet, genau wie an der Tarnvorrichtung, einer anderen „Star Trek“-Technologie, um ganze Raumschiffe unsichtbar zu machen.

          „Star Trek“ als vielseitiges Vorbild

          Wenn man sich experimentelle Geräte aus der Hochenergiephysik anguckt, sehen die im Allgemeinen aus wie bei „Star Trek“. Selbst die Farbe Blau ist dank „Star Trek“ mit High-Tech assoziiert: Wenn Hardware besonders fortschrittlich aussehen soll, baut man blaue LEDs ein. Das alles liegt daran, dass „Star Trek“ fast zehn Jahre lang im Fernsehen lief. Diese Zeit war die Kindheit der Menschen, die heute im Silicon Valley und anderswo Dinge erfinden. Um Dinge zu erfinden, muss man sie sich vorstellen können. Daher fällt Science-Fiction in unserer Gesellschaft ein besonders hoher Stellenwert zu. Science-Fiction schafft Bilder, schafft Vorstellungen.

          Die Ingenieure bauen sie dann. Als einziges Science-Fiction-Programm zeigte „Star Trek“ eine Zukunft, die zwei Bedingungen erfüllte: Sie war realistisch genug, um sich selbst in dieser Welt sehen zu können, und sie war grundsätzlich positiv. Die gezeigte Welt war erstrebenswert. Es war keine postnukleare Strahlenwüste wie in „Mad Max“, keine moralisch verkommene Zerrbildwelt wie in „Blade Runner“ oder „Alien“, aber auch kein Märchen mit Königen und Prinzessinnen wie „Star Wars“. Und so hat „Star Trek“ einer Generation von zukünftigen Ingenieuren ein Zukunftsbild gezeigt, auf das diese jetzt hinarbeiten, bewusst oder unbewusst.

          Doch nicht nur technisch haben wir als Gesellschaft uns an „Star Trek“ orientiert. Dort gibt es kein Geld mehr. Es gibt keine Polizei, nur Security. Es gibt zwar noch Demokratie; aber was wir von ihr sehen, ist ineffektiv, bürokratisch, braucht für die notwendigen Entscheidungen zu lange. Die wesentlichen Dinge werden in Militärkomitees entschieden, im Wesentlichen eine Diktatur. Präsentiert wird das Ganze als Meritokratie. Die Entscheidungsträger sind alte weise Männer und Frauen, die ihr Mandat nie missbrauchen würden. Lobbyisten und Korruption gibt es nicht mehr.

          Daten missbrauchen, das tun nur die Bösen

          In „Star Trek“ läuft alles über den Computer. Navigation, Türen öffnen, den Fahrstuhl steuern - der Computer weiß alles, sieht alles, hört alles, speichert alles. Andere können die Daten abfragen. „Computer, wo hält sich Fähnrich Ro auf?“, ist eine typische Dialogzeile. Und der Computer antwortet dann: „In Holodeck 3.“ Oder: „Seit 30 Minuten nicht mehr an Bord.“ Niemand in der Serie stört sich daran. Die Menschen haben auch intime Momente, führen sogar Tagebuch. Sie tun das, indem sie die Einträge dem Computer diktieren. In der Serie wird mehrfach thematisiert, wie diese Daten dann wichtige Hinweise geben, anhand derer ein lebensbedrohliches Problem gelöst werden kann. Aspekte wie Privatsphäre tauchen nur am Rande auf, denn der Captain ist edel und gut und würde niemals anderer Menschen Daten missbrauchen.

          Mit anderen Worten: Die Vision der Zukunft ist, dass wir den Kampf gegen allgegenwärtige Überwachung verloren haben, aber dass das nicht schlimm ist. Die Gesellschaft hat sich so weiterentwickelt, dass kein Missbrauch stattfindet. Konflikte werden einvernehmlich gelöst. Auch in schwierigsten Situationen muss der Captain nie seine Prinzipien verraten und unmoralisch handeln. Alles lässt sich auch immer irgendwie anders lösen. In der Popkultur der achtziger Jahre war Captain Picard eines der attraktivsten Vorbilder. Er war häufig mit schwierigen Situationen konfrontiert, und er hat sie alle gelöst. Das Modell funktioniert in der Show. Gelegentlich tauchen in der Show Geheimdienste auf. Sie sind auch in der Zukunft intransparent und unkontrollierbar und überschreiten ihre Befugnisse. Sogar vor Genozid schrecken sie nicht zurück. Aber sie tun es immer aus edlen Motiven. Nie ist das Motiv Selbstbereicherung, Fremdenhass oder so etwas.

          Kein Wunder also, wenn sich die Ingenieure hinter Google nichts dabei denken, wenn sie alle Daten speichern. Wir sind die Guten! Daten missbrauchen, das tun nur die Bösen. Wir tun nichts Böses. Und wie in der Fernsehvorlage kommen dann auch bei uns irgendwann die skrupellosen Geheimdienste und machen alles kaputt. Aber das kann man ja in diesem Weltbild schwerlich Captain Larry Page und seiner Google-Mannschaft anlasten. Captain Kirks Chefsessel ist übrigens im Besitz von Paul Allen, dem Microsoft-Mitgründer. Er stellt ihn in Seattle in seinem Science-Fiction-Museum aus.

          Ein Leben ohne körperliche Arbeit

          Über den Höhepunkt des Vorbildes „Star Trek“ berichtet das Magazin „Foreign Policy“. NSA-Chef General Keith Alexander hat sich seinen Befehlssitz im Intelligence and Security Command der US Army von Hollywood-Designern wie die Brücke vom Raumschiff Enterprise nachbauen lassen. Die Kommandozentrale heißt in NSA-Terminologie „Information Dominance Center“. Sie hat Türen, die von alleine aufgehen. Und diese Türen machen, wie bei „Star Trek“, einen Wuuusch-Sound. Der erfreulichste Aspekt an diesen Überlegungen ist, dass sie auch einen klaren Weg aus der Krise aufzeigen: Wir brauchen wieder positive Science-Fiction. Wir brauchen eine erstrebenswerte Zukunftsvision. Eine, die wie „Star Trek“ Werte wie Humanismus und Gerechtigkeit hochhält. Aber auch eine, die zeigt, wie eine Gesellschaft ohne Bürokratie, ohne Unterdrückung, ohne Armut und ohne Geheimdienste funktionieren kann. Und nicht nur funktionieren kann - sie muss klar überlegen sein! Schon „Star Trek“ zeigt eine Welt ohne Banken, ohne Kredite und Zinsen, sogar ohne Geld. Nahrung und Unterhaltung gibt es vom Computer.

          Arbeitslose oder gar Obdachlose gibt es nicht. Körperliche Arbeit ist praktisch vollständig wegautomatisiert worden. Wer gerade nichts Wichtiges zu tun hat, beschäftigt sich mit Kunst und Kultur. Knappe Ressourcen werden rationiert, aber gerecht verteilt. Die verbleibenden Arbeitsplätze werden nach Fähigkeiten vergeben. Niemand muss Dinge tun, zu denen er keine Lust hat. Das macht die Vision von „Star Trek“ ja so erstrebenswert, jedenfalls erstrebenswert genug, damit viele im Gegenzug die Kröte mit der Privatsphäre zu schlucken gewillt sind.

          Es ist die Aufgabe von Science-Fiction, auf Missstände hinzuweisen, vorzugsweise durch Aufzeigen einer Zukunft, die eine schlechte Idee zum Extrem treibt und dann unter den negativen Folgen zu leiden hat. Aber es ist eben auch Aufgabe von Science-Fiction, ein positives Modell für die Zukunft aufzuzeigen, auf das man hinarbeiten kann - auf das man hinarbeiten will!

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