https://www.faz.net/-gsf-7nvrq

Snowden-Kritiker Edward Lucas : Alle Daten gehen nach Moskau

Sieht eine Fülle von Gründen, die Deutschen auszuspionieren: Buchautor und Snowdon-Kritiker Edward Lucas. Bild: CAMERA PRESS

Verschwörungstheorie bizarr: Ein Journalist versucht seinem Publikum von der New York University strategisches Denken einzubleuen. Seine Bomben vom Nutzen der NSA-Spionage zünden aber nicht recht.

          4 Min.

          Edward Lucas ist schockiert. Bestürzt. Erschüttert. Entsetzt. Der englische Journalist sitzt an einem Tisch in einem Hörsaal der New York University und versucht Rechtsprofessoren und deren Studenten davon zu überzeugen, dass die Enthüllungen Edward Snowdens eine Katastrophe sind. Die Tatsache der Enthüllungen, nicht das Enthüllte. Bei Amazon hat Lucas ein kurzes E-Book publiziert, in dem er darlegt, Snowdens „Operation“ sei der schlimmste Sabotageakt in der Geschichte der westlichen Geheimdienste. Auf Einladung von Ryan Goodman, einem Fachmann für humanitäres Völkerrecht, stellt er seine Ansichten zur Diskussion.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die von Snowden angeblich angerichteten Schäden liegen nicht zutage. Wie andere Verteidiger des militärisch-überwachungsindustriellen Komplexes kann Lucas keine Beispiele dafür nennen, dass die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten oder Großbritanniens tatsächlich kompromittiert worden ist. Diese Schwierigkeit liegt in seinen Augen in der Natur der Sache, als deren Advokat er auftritt. Zu kostspieligen Anstrengungen der Schadensbegrenzung sieht er die Geheimdienste genötigt - und begrenzt wird der Schaden auch dadurch, dass die Dienste ihn geheim zu halten versuchen.

          An die Stelle von Belegen, Indizien und Schlüssen tritt im Vortrag von Lucas die Demonstration der Gefühle des Redners. Der Fachjournalist präsentiert sich als Seismograph des moralischen Erdbebens. Ihm, dem Kenner, der sich seit Jahrzehnten mit der Thematik befasst, soll man doch bitte abnehmen, wie dramatisch die Lage ist. Seine Zwischenbilanz der Snowden-Affäre ist durchgehend in der ersten Person Singular gehalten: eine Chronik von Verzweiflungsanfällen und stillen Zornesausbrüchen. Der Anwalt der Staatsräson bedient sich einer Rhetorik der Betroffenheit, wie man sie von Aktivisten der Umweltschutzbewegung oder der formierten Islamkritik kennt.

          Snowden, der Geheimagent aus dem Kreml

          Sein bitterer Ton verrät, dass er hier, unter Jurastudenten einer Eliteuniversität in der Welthauptstadt des Liberalismus, nicht mit freundlicher Aufnahme seiner Sicht der Dinge rechnet. Trotz spricht aus der Häufung der Bekundungen eines Entsetzens, welches offenkundig nicht geteilt wird. Lucas ist auch und hauptsächlich schockiert darüber, dass so wenige Leute schockiert sind, dass in der Öffentlichkeit eine ganz andere Bewertung der Angelegenheit vorherrscht: Die National Security Agency steht unter Begründungszwang, und Edward Snowden genießt weithin Respekt als der Mann, der unter Preisgabe der eigenen bürgerlichen Sicherheit das Material für eine notwendige Debatte über die Grenzen des Staates beschafft hat.

          Edward Lucas ist Redakteur der Wochenzeitschrift „The Economist“. Von 1998 bis 2002 war er Korrespondent in Moskau, derzeit ist er in der Londoner Zentrale für Energiepolitik und Rohstoffe zuständig. 2008 veröffentlichte er (auf Papier, bei einem seriösen Verlag) das Buch „The New Cold War“, das die Herrschaft des russischen Präsidenten Putin als Regime der organisierten Staatskriminalität darstellt.

          Er soll laut Lucas von Anfang an für die Russen gearbeitet haben: Edward Snowden im Herbst in Moskau.

          Vier Jahre später folgte unter dem Titel „Deception“ ein Buch über das Erbe des KGB. Der Knüller des elektronischen Sensationsbüchleins zum Fall Snowden ist die Behauptung des Autors, er habe „die Fingerabdrücke des Kreml“ entdeckt - nicht auf Dokumenten, die tatsächlich durch Snowdens Hände gegangen sind, sondern auf dem Drehbuch der Affäre. Snowden, so vermutet Lucas, arbeitete unwissentlich von Anfang an für die Russen. Als Bürgerrechtler getarnte Agenten hätten ihn zum Geheimnisverrat angestiftet.

          Nihilistischer Anti-Amerikanismus

          Was spricht für diese These, die auch der wohlwollende Rezensent des Blogs „Lawfare“ als unbelegte Spekulation verworfen hat? Alles, was Snowden tat, so erläutert Lucas in New York, spielte Putins Interessen in die Hände. „Und am Ende landet er in Moskau! Das sind zwei sehr dicke Punkte. Ob man sie verbinden soll, ist eine andere Frage.“

          Kann das ernsthaft eine Frage sein? Alle Sprecher und Freunde der NSA verteidigen doch die Totalerfassung von Telefongesprächslisten mit genau diesem Bild: Es dürfe den Aufklärern nicht verboten werden, die Punkte zu verbinden. Lucas gibt keine Genugtuung darüber zu erkennen, dass Leitartikler und Fernsehkommentatoren in den vergangenen Tagen die Parole vom neuen Kalten Krieg aufgegriffen haben. Er hält den Ernstfall für gekommen, die Probe auf den Selbstverteidigungswillen des Westens, und fürchtet, dass wir sie nicht bestehen werden.

          Ein Topos der antikommunistischen Literatur des alten Kalten Krieges war die Sorge, dass die freie Welt an ihrer Gelassenheit zugrunde gehen werde. Lucas sieht die Journalisten, die von Snowden Munition für eine Kampagne gegen die Regierungen beziehen, von einem „nihilistischen Anti-Amerikanismus“ angetrieben. Er selbst kann aber seine Verachtung der liberalen Öffentlichkeit nicht verbergen. Dass die Bürger sich mit der Beurteilung von Staatsaktivitäten zurückhalten, deren Erfolgsaussichten angeblich von der Unwissenheit der Begünstigten abhängen, missdeutet er als Apathie.

          „Sie hören Angela Merkels Mobiltelefon ab. Gut so!“

          Er vermisst den Sinn für den Ernst der Stunde - sogar in den höchsten Rängen der amerikanischen Cyberkrieger. James Clapper, der Nationale Geheimdienstdirektor, und General Keith Alexander, der Chef der NSA, hätten nach seiner Überzeugung ihren Abschied nehmen müssen. General Alexander sage zwar, er habe dem Präsidenten seinen Rücktritt angeboten, doch das sei nicht gut genug.

          „Mein Großvater war Admiral in der Royal Navy, und er wusste: Wenn dein Schiff versenkt wird, musst du auf ein Kriegsgerichtsverfahren gefasst sein.“ Und Clapper und Alexander mussten nach Snowdens Datendiebstahl nicht bloß ein einzelnes Schiff abschreiben; die Einbuße an Kampfkraft entspricht nach Schätzung von Lucas dem Verlust mehrerer Flugzeugträger-Kampfgruppen.

          Im strategischen Denken von Edward Lucas stößt man auf Spurenelemente seiner militärischen Familientradition. Er fragt das Publikum: „Wer von Ihnen kennt das Kommando ,Strategische Aufklärung‘?“ Der „Spiegel“, eines der Hausblätter der Snowden-Freunde, habe vor sechs Jahren einen schwärmerischen Artikel über die deutsche NSA mit Sitz in Gelsdorf bei Bonn gebracht, ohne die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre der abgehörten Ausländer zu stellen.

          „Wenn Deutschland es tut, ist es also in Ordnung!“ Umgekehrt sieht Lucas eine Fülle von Gründen, Deutschland auszuspionieren. Die Deutschen hätten die Sanktionen gegen Iran unterlaufen, unterhielten enge Verbindungen zu dubiosen chinesischen Firmen und hätten sich unter dem Kanzler Schröder eng an Russland angeschlossen. „Wenn ich Amerikaner wäre, würde ich darüber Bescheid wissen wollen.“ Als Partner für einen Vertrag über den wechselseitigen Verzicht auf Spionage kommt Deutschland für Lucas nicht in Frage. „Einen solchen Vertrag schließt man nur mit Leuten, denen man wirklich vertraut.“

          Edward Lucas ist schockiert: Die Weltöffentlichkeit hat einen „falschen Schock“ erlitten. Das größte Desaster in der Geschichte der verdeckten Aufklärung wurde durch einen Fehlalarm ausgelöst. Snowden hat gar nichts Skandalöses über seine Kollegen von der NSA enthüllen können. „Foltern sie? Nein, sie hören Angela Merkels Mobiltelefon ab. Gut so!“

          Weitere Themen

          Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor Video-Seite öffnen

          Berlinale : Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor

          Dank der Dokumentation durch den Fotografen W. Eugene Smith in den 70er Jahren, gespielt von Johnny Depp, konnten die Verantwortlichen einer Massenvergiftung in Japan vor Gericht gestellt werden.

          Freigang nach Noten

          FAZ Plus Artikel: Berliner Gefängnistheater : Freigang nach Noten

          Das Berliner Gefängnistheater aufBruch spielt „Fidelio“ in der Justizvollzugsanstalt Tegel. In seinem 250. Geburtstagsjahr ist zwar überall Beethoven zu hören – doch wohl nirgendwo so verzweifelt schön wie hier.

          Topmeldungen

          F.A.Z. Exklusiv : Hanauer Attentäter suchte Hilfe bei Detektei

          Der Attentäter von Hanau hat sich im Oktober 2019 mit einem Detektiv getroffen. Er bat ihn um Hilfe, weil er sich von einem Geheimdienst beschattet sah. Die Aussagen, die Tobias R. damals machte, stützen das Bild eines geisteskranken Täters.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.