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Snowden-Kritiker Edward Lucas : Alle Daten gehen nach Moskau

Nihilistischer Anti-Amerikanismus

Was spricht für diese These, die auch der wohlwollende Rezensent des Blogs „Lawfare“ als unbelegte Spekulation verworfen hat? Alles, was Snowden tat, so erläutert Lucas in New York, spielte Putins Interessen in die Hände. „Und am Ende landet er in Moskau! Das sind zwei sehr dicke Punkte. Ob man sie verbinden soll, ist eine andere Frage.“

Kann das ernsthaft eine Frage sein? Alle Sprecher und Freunde der NSA verteidigen doch die Totalerfassung von Telefongesprächslisten mit genau diesem Bild: Es dürfe den Aufklärern nicht verboten werden, die Punkte zu verbinden. Lucas gibt keine Genugtuung darüber zu erkennen, dass Leitartikler und Fernsehkommentatoren in den vergangenen Tagen die Parole vom neuen Kalten Krieg aufgegriffen haben. Er hält den Ernstfall für gekommen, die Probe auf den Selbstverteidigungswillen des Westens, und fürchtet, dass wir sie nicht bestehen werden.

Ein Topos der antikommunistischen Literatur des alten Kalten Krieges war die Sorge, dass die freie Welt an ihrer Gelassenheit zugrunde gehen werde. Lucas sieht die Journalisten, die von Snowden Munition für eine Kampagne gegen die Regierungen beziehen, von einem „nihilistischen Anti-Amerikanismus“ angetrieben. Er selbst kann aber seine Verachtung der liberalen Öffentlichkeit nicht verbergen. Dass die Bürger sich mit der Beurteilung von Staatsaktivitäten zurückhalten, deren Erfolgsaussichten angeblich von der Unwissenheit der Begünstigten abhängen, missdeutet er als Apathie.

„Sie hören Angela Merkels Mobiltelefon ab. Gut so!“

Er vermisst den Sinn für den Ernst der Stunde - sogar in den höchsten Rängen der amerikanischen Cyberkrieger. James Clapper, der Nationale Geheimdienstdirektor, und General Keith Alexander, der Chef der NSA, hätten nach seiner Überzeugung ihren Abschied nehmen müssen. General Alexander sage zwar, er habe dem Präsidenten seinen Rücktritt angeboten, doch das sei nicht gut genug.

„Mein Großvater war Admiral in der Royal Navy, und er wusste: Wenn dein Schiff versenkt wird, musst du auf ein Kriegsgerichtsverfahren gefasst sein.“ Und Clapper und Alexander mussten nach Snowdens Datendiebstahl nicht bloß ein einzelnes Schiff abschreiben; die Einbuße an Kampfkraft entspricht nach Schätzung von Lucas dem Verlust mehrerer Flugzeugträger-Kampfgruppen.

Im strategischen Denken von Edward Lucas stößt man auf Spurenelemente seiner militärischen Familientradition. Er fragt das Publikum: „Wer von Ihnen kennt das Kommando ,Strategische Aufklärung‘?“ Der „Spiegel“, eines der Hausblätter der Snowden-Freunde, habe vor sechs Jahren einen schwärmerischen Artikel über die deutsche NSA mit Sitz in Gelsdorf bei Bonn gebracht, ohne die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre der abgehörten Ausländer zu stellen.

„Wenn Deutschland es tut, ist es also in Ordnung!“ Umgekehrt sieht Lucas eine Fülle von Gründen, Deutschland auszuspionieren. Die Deutschen hätten die Sanktionen gegen Iran unterlaufen, unterhielten enge Verbindungen zu dubiosen chinesischen Firmen und hätten sich unter dem Kanzler Schröder eng an Russland angeschlossen. „Wenn ich Amerikaner wäre, würde ich darüber Bescheid wissen wollen.“ Als Partner für einen Vertrag über den wechselseitigen Verzicht auf Spionage kommt Deutschland für Lucas nicht in Frage. „Einen solchen Vertrag schließt man nur mit Leuten, denen man wirklich vertraut.“

Edward Lucas ist schockiert: Die Weltöffentlichkeit hat einen „falschen Schock“ erlitten. Das größte Desaster in der Geschichte der verdeckten Aufklärung wurde durch einen Fehlalarm ausgelöst. Snowden hat gar nichts Skandalöses über seine Kollegen von der NSA enthüllen können. „Foltern sie? Nein, sie hören Angela Merkels Mobiltelefon ab. Gut so!“

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