https://www.faz.net/-gsf-8kspc

Zürcher Whistleblower-Prozess : Der einsame Kämpfer Rudolf E.

Der ehemalige Julius-Bär-Banker Rudolf Elmer. Bild: Reuters

Ein Whistleblower der ersten Stunde: Rudolf Elmer machte WikiLeaks berühmt. Seine Weitergabe von Daten der Privatbank Julius Bär machte publik, wie Schweizer Banken jahrezehntelang auf den Cayman Islands Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisteten.

          Scharf ging der Soziologe Jean Ziegler Anfang der neunziger mit seiner Heimat ins Gericht, als er die Schweiz „Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens“ nannte. Dabei sprach er bloß aus, was jeder wusste: Nicht nur politisch Verfolgte gründen Konten bei Schweizer Banken. Dass auch Steuerflüchtlinge zu den Kunden gehörten, zuweilen auch Generäle lateinamerikanischer Militärdiktaturen, galt als offenes Geheimnis.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Geschäft aber war den Banken wichtiger. Rudolf Elmer, der seine Karriere bei der Credit Suisse begonnen hatte, steckt damals mittendrin. Vormals IT-Spezialist, schickt ihn sein Arbeitgeber, die Privatbank Julius Bär, Anfang der neunziger als Buchhalter auf die Karibikinselgruppe Cayman Islands. Britisches Überseegebiet, eigene Gesetzgebung – ein Eldorado für verdeckte Finanzgeschäfte. Weil Elmer sich gut macht, wird er nach einigen Jahren stellvertretender Chef der Cayman-Niederlassung und zudem Leiter der Abteilung, die über die Einhaltung von Rechtsvorschriften wacht. Elmer steht im Zenit seiner Laufbahn.

          Wahrheit oder Rache?

          Doch im Juni 2002 tauchen in einigen Medien plötzlich Bankinterna über Hedgefonds auf, die bei Julius Bär in New York registriert sind, deren Buchhaltung aber in der Karibik durchgeführt wird. Die Bank muss handeln, erstattet Anzeige, unterzieht alle Mitarbeiter einem Lügendetektortest. Auch Elmer. Der aber ist gesundheitlich angeschlagen und kann am Test nicht ordnungsgemäß teilnehmen. Ende 2002 wird ihm gekündigt.

          Es ist der Beginn eines Wirtschaftskrimis, der bis heute andauert. Rudolf Elmer, einst leitender Offshore-Banker, wird zur Persona non grata in der Schweizer Finanzwelt. Mehr noch, er gilt als gefährlicher Nestbeschmutzer. Weil er sich als „Handlanger der Unmoral“ fühlte und die Öffentlichkeit davon erfahren sollte, hatte er zu Cayman-Zeiten Sicherheitskopien und haufenweise Dokumente auf seinen privaten Rechner gebracht. Oder doch aus Rache, als sich die Entlassung anbahnte?

          Geburtsstunde einer Generation

          In jedem Fall verfügt er über ein mächtiges Instrument gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber. Als im Juni 2005 die Weitergabe von Bankdokumenten an die amerikanische Steuerbehörde IRS bekannt wird, hat sich Elmers Privatleben bereits einschneidend geändert. Er wird beschattet, nach eigenen Angaben sind bis zu elf Privatdetektive ihm und seiner Familie auf den Fersen. Die junge Tochter kommt in psychiatrische Behandlung. Auch das Schweizer Wirtschaftsmagazin „Cash“ ist im Besitz einer CD mit Kundendaten von Julius Bär und berichtet über Steuerflucht im dreistelligen Millionenbereich.

          Nun geht die Bank juristisch gegen Elmer vor, sein Schweizer Anwesen wird durchsucht. Da er zugibt, CDs verschickt zu haben, kommt er für dreißig Tage in Untersuchungshaft. Noch allerdings weigert sich die Bank unter Verweis auf das Bankgeheimnis, Einblick in ihre Geschäfte zu geben, und lässt die Anklage fallen.

          Im Februar 2008 listet die noch junge Enthüllungsplattform Wikileaks reihenweise Kundendateien auf. Die Seite wird schlagartig berühmt. Alle Welt kann über Nacht studieren, wie eine Schweizer Privatbank systematisch Beihilfe zur Steuerhinterziehung anbietet. Es ist die Geburtsstunde einer Generation von Whistleblowern. Weil Wikileaks problemlos auf ausländische Domains ausweichen kann, bleibt eine kurzfristig erwirkte Sperrung in den Vereinigten Staaten folgenlos. Das Schweizer Bankgeheimnis bekommt Risse. Jetzt bleibt den Anwälten von Julius Bär nur noch der juristische Kampf gegen Rudolf Elmer.

          „Ein echter Whistleblower greift nicht zu Drohungen“

          Zunächst mit Erfolg: 2011 verurteilt ihn das Zürcher Bezirksgericht in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 7200 Schweizer Franken. Elmer habe das Bankgeheimnis verletzt, lautet die Begründung. Noch viel schwerer aber wiegt der Tatbestand der versuchten Nötigung: als er immer hartnäckiger verfolgt wurde, hatte Elmer die Bank zu erpressen versucht und Mitarbeitern mit dem Tod gedroht. Weil er das nur zum Teil bestreitet, ist sein Ruf auch bei Kritikern der Finanzgeschäfte ramponiert. Ein Whistleblower als Erpresser? Der Prozess indes zieht sich noch über Jahre. Das Zürcher Obergericht meldet Zweifel an, ob das Schweizer Bankgeheimnis in der Karibik überhaupt verletzt werden kann. Eine Verhandlung im Dezember 2014 muss abgebrochen werden, weil Elmer zusammenbricht.

          Anfang dieser Woche wurde nun das Urteil gesprochen. Aufgrund der Eigenständigkeit der Cayman-Tochter habe Elmer bei der Veröffentlichung von Interna zwar nicht gegen Schweizer Recht verstoßen. Doch er habe Urkunden gefälscht und Mitarbeiter bedroht. Die Strafe: Vierzehn Monate Haft auf Bewährung, auch wenn die wegen seiner vorangehenden Untersuchungshaft hinfällig ist, und die Beteiligung an den Gerichtskosten in Höhe von 350.000 Schweizer Franken. Und das Whistleblowing? Dafür interessierte sich vor Gericht niemand. „Ein echter Whistleblower greift nicht zu Drohungen“, so der Richter. Hier gehe es um Hass auf den früheren Arbeitgeber. Als ließe sich das eine so ohne weiteres vom anderen trennen.

          Weitere Themen

          Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.