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Ranga Yogeshwar im Gespräch mit Dietmar Dath : Rechnen Sie damit, lebenslang ein Verdächtiger zu sein

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Diese Entwicklung basiert auf einer Magie der Mathematik: Beginnen wir bei der Identifizierung - wie finde ich einen Menschen unter einer Million? Nehmen Sie mal eine Eigenschaft, die nichts Abseitiges ist, die bei einem von zehn Menschen vorkommt. Da würde jeder Bürger einer Stadt mit dreißigtausend Einwohnern sagen: Na gut, wenn das jemand über mich weiß, habe ich nichts dagegen, es gibt ja in meiner Stadt dreitausend Bürger, auf die das ebenfalls zutrifft. Aber mit zwei solchen Eigenschaften filtern Sie mathematisch aus hundert Menschen einen heraus, mit drei einen aus tausend, mit nur sechs Eigenschaften finden Sie einen in einer Million. Das sind orthogonale Filter, im Sinne der Mathematik orthogonal: voneinander unabhängig.

Der zweite Schritt ist nun, dass man die Leute nicht mehr nur finden, sondern digitale Profile erzeugen kann, die sich modellieren lassen - wenn eine Person dies, das und jenes gemacht hat, kann ich mit einer guten Wahrscheinlichkeit vorhersagen, was sie als Nächstes tun wird. Sie haben etwa einen Internet-User, der kauft sich eine Fahrradhose und ein Fahrrad. Dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass er einen Helm kaufen wird - also kann ich ihm Werbung für einen Helm schicken lassen, von einer Maschine. Weiter: Gibt es Indikatoren, dass dieses Ehepaar sich scheiden lassen wird? Wird ein Arbeitgeber bald kündigen? Wechselt ein Stammwähler vielleicht die Partei?

In diesem Kontext sind nicht nur die Überwacher, sondern auch die Überwachten keine Einzelnen mehr, richtig?

Das Zusammenwachsen von automatischer Auswertung, einer gigantischen Zahl an digitalen Spuren, die wir überall hinterlassen, und schließlich der Tatsache, dass wir abbildbare Netzwerke bilden, die nicht nur uns selbst, sondern andere mit preisgeben, hat eine neue Situation geschaffen. Das ist ein Thema, das mich seit dreißig Jahren aktiv begleitet: Damals arbeitete ich an einem Forschungsreaktor im Forschungszentrum Jülich. Ich erlebte, wie ein ganzer Forschungszweig plötzlich zu einem „Sicherheitsthema“ wurde. Es ging um die Observierung nach dem „Innentätermodell“ - heute würde man sagen: „Schläfer“. Man sah sich die Wissenschaftler an, und die Hypothese war: Sie haben Zugang zu der Anlage, kennen sich aus und könnten so leicht zu Tätern werden.

Plötzlich standen meine Kollegen und ich unter einem seltsamen Generalverdacht. Das „Innentätermodell“ führte zu einer leidenschaftlichen Diskussion innerhalb der Belegschaft. Es ging so weit, dass man erfassen wollte: Was isst ein Mensch in der Kantine, kommt er früh, mit wem trifft er sich et cetera. Diese Debatte führte zu meinem allerersten Fernsehauftritt im Rahmen der Sendung „Report Baden-Baden“. Damals ging es um die Sicherheit kerntechnischer Anlagen. Heute betrifft das nicht mehr potentiell riskante Personen in sensiblen Arbeitszusammenhängen, heute richtet sich diese Sorte Beobachtung potentiell auf alle. Ein Paradigma hat sich durchgesetzt: Was die Maschine weiß, ist autoritative Quelle. In ersten Ansätzen akzeptieren wir dieses bereits unbewusst: Schon heute googeln wir andere Personen, bevor wir sie treffen.

Die informationelle Selbstbestimmung hat zwei Hindernisse: die Macht der Datensammler und die Ohnmacht der meisten Datenquellen - die sind wir. Erinnert man da an Orwells Roman „1984“, ist das fast eine Verharmlosung. Orwell beklagt, dass sein Held nur noch winzige Freiräume hat, das Tagebuch und die traurige Zwischenmenschlichkeit. Aber gerade in diesen Sphären sitzen jetzt die Sauger. Orwells armer Held ist ganz entwaffnet. Welche Waffen braucht man?

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