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Privatsphäre : Whisper - das gläserne Geheimnis

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Da schaut einer ganz genau nach: „Ja, alle Daten noch da.“ In solchen Serverräumen speichert auch Whisper die Daten ihrer Nutzer. Bild: AFP

Die App „Whisper“ rühmte sich damit, seinen Nutzern Anonymität zu bieten. Jetzt stellte sich heraus, dass die Bekenntnis-App so ziemlich alles speichert, was ausgewertet werden kann.

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          Die App „Whisper“ verspricht Anonymität und nennt sich „the safest place on the internet“. Die Nutzer können „anonym“ Bekenntnisse über die App teilen und lesen, was sich bisher großer Popularität erfreute. Auf der einen Seite tut es ja oft gut, etwas los zu werden und auf der anderen bedient es die urmenschliche Neugier, von den Geheimnissen der anderen zu hören. Nun hat der „Guardian“ jedoch enthüllt, dass der Dienst Geodaten seiner Nutzer sammelt, diese im Zusammenhang mit den von den Nutzern stammenden Bekenntnissen auswertet und weitergibt. Und zwar nicht, wie man annehmen könnte, an Werbekunden, sondern an das amerikanische Verteidigungsministerium, das FBI und den britischen Inlandsgeheimdienst MI5.

          Derzeit generieren die Whisper-Nutzer ungefähr 2,5 Millionen Beiträge pro Tag. Die meisten davon sind unterhaltender Natur, doch werden auch Informationen von Nutzern veröffentlicht, bei denen es in der Tat besser ist, anonym zu bleiben. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter die Dringlichkeit empfindet, Betriebsgeheimnisse publik zu machen, sind Facebook oder Twitter keine geeigneten Plattformen dafür.

          Aus beispielsweise diesen Gründen leitet Whisper die Informationen und Bekenntnisse der Nutzer an das amerikanische Verteidigungsministerium, die aus Militärstützpunkten versendet werden. Die Informationen werden auf Erwähnungen von Selbstmord- oder verletzungsvorhaben analysiert und abgeglichen. Whisper betonte, dass sie mit vielen Organisationen zusammenarbeiten, um die Selbstmordrate zu senken, und das Verteidigungsministerium sei bloß eine von vielen dieser Kooperationspartner.

          In der Branche üblich

          Seine Daten würde Whisper aber auch auswerten und nutzen, um bevorstehenden Gefahren und Kriminalität vorzubeugen. So käme die Übermittlung an das FBI und den britischen MI5 zustande. Diese Verfahrensweise sei in der Branche üblich, so Whisper. Doch zeigen Datenschutzexperten, die für den Guardian Whispers Nutzungsbedingungen genau untersucht haben, auf, dass Whisper in ihren Bestimmungen niedrigere Schwellen der Nutzerinformationshandhabung anführen, als andere vergleichbare Unternehmen.

          Laut dem Guardian gebe es bei Whisper sogar eigens Personal, dass die Nutzer beobachtet, die für besonders interessant, also aufschlussreich gehalten werden. Es handele sich hierbei um eine Außenstelle auf den Philippinen, in der über 100 Beschäftigte die Botschaften rund um die Uhr auf Verwertbarkeit überprüfen. Dieses Personal durchleuchte die Bekenntnisse der bisherigen Nutzeraktivität auf Zusammenhänge und kartographiere sie anhand der Geodaten. Die am intensivsten Beobachteten seien derzeit die, die behaupten beim Militär, bei Yahoo, Disney oder am amerikanischen Capitol Hill zu arbeiten.

          Natürlich sind auch die von den Nutzern selbst gelöschten Beiträge auf unbestimmte Zeit in einer zentralen und auswertbaren Datenbank gespeichert. Whisper hat dadurch zwar keinen Zugang zu den Namen oder Telefonnummern der Nutzer, doch eine genau Chronik aller gesendeten Botschaften, ihrer Zeit und den dazugehörigen Standorten. Die Daten werden seit dem Start der App gehortet, was ziemlich zynisch und hanebüchen für ein Unternehmen ist, dass mit Anonymität wirbt.

          Ein nymphomaner Lobbyist

          Whisper beobachte einen Nutzer, so berichtet der Guardian, der angibt ein nymphomaner Lobbyist zu sein, der in Washington, DC arbeitet. Die Ortungswerkzeuge Whispers ermöglichen ihnen, ganz genau festhalten zu können, in welchen Bereichen der amerikanischen Hauptstadt er sich aufhalte. „Er ist ein Kerl, den wir sein Leben lang verfolgen werden und der absolut keine Ahnung davon haben wird, dass wir ihn beobachten“, sagte ein Leiter von Whisper zum Guardian, als die Tageszeitung das Unternehmen für drei Tage besuchte.

          Geplant war bei dem Besuch in Los Angeles, zu beobachten ob eine praktikable, journalistische Kooperation der beiden zustande kommen könne. Nach den Beobachtungen der Reporter distanziert sich die Zeitung nun entschieden von Whisper und sei nicht mehr an eine Zusammenarbeit interessiert.    

          Whisper arbeitete bis vor kurzem für längere Zeit mit der Website buzzfeed.com zusammen und stünde nun in Verhandlungen mit anderen Medien, Zeitungen und Fernsehsendern. Ein Buzzfeed-Sprecher gab nun bekannt, dass sie die Zusammenarbeit mit Whisper einstellen, bis sie Stellung zu ihrer Privatsphäre- und Geodatenhandhabung beziehen. Derzeit wird übrigens auch an einer Version der App für chinesische Nutzer programmiert, die mit der Zensurlage der Chinesischen Regierung einhergeht.

          Ausdrücklich nicht wünschen

          Das Auswerten der Geodaten, auch die der Nutzer, die das ausdrücklich nicht wünschen, rechtfertigt Whisper damit, dass die Authentizität der Beiträge dadurch besser nachvollzogen werden könne. So kommt es auch das Whisper teilweise die IP-Adressen der Smartphones nutzte, falls die Geolokalisierungsservices von den Nutzern ausgeschaltet wurden.

          Vier Tage nachdem Whisper erfahren hatte, dass der Guardian über ihre Einblicke berichten werde, änderte Whisper grundlegend einige Paragraphen in ihren offiziellen Nutzungsbedingungen und brachten sich gesetzlich damit auf die sichere Seite. Bei Zustimmung akzeptieren die Nutzer nun, dass auch wenn sie einer Lokalisierung widersprechen, Whisper ihre Geodaten festhalten darf.

          Der Beisatz „the safest place on the internet“ bekommt einen immer kruderen Beigeschmack und man fragt sich allmählich: Für wen genau? In diesen gläsernen Zeiten fällt es wirklich nicht schwer zu denken, diese App, die hat sich niemand anderes ausgedacht als die NSA.

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