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Mithören bei Merkel : Souverän 2.0

  • -Aktualisiert am

Der Spion unserer Zeit kommt nicht im Smoking, er steht nicht einfach mit im Raum, wie Günter Guillaume. Einem Geheimdienst, der alles ausprobieren will, lässt sich die Spielerei mit dem Smartphone kaum verübeln.

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          Nein, die Kanzlerin ist keine Kaiserin, sondern Bürgerin unter Bürgern, und, ja, sie hat ein Handy. Angela Merkel galt als „SMS-Kanzlerin“, lange schon bevor ihr das „Mutti“-Schild umgehängt wurde. Als Barack Obama davon sprach, dass das Ausspähen keine Verfassungsrechte verletze, war die Botschaft auch an sie gerichtet.

          Jeder Nichtamerikaner wird durchleuchtet. Man hätte es durchaus als Drohung lesen können, als Angela Merkel entgegnete, dass auf deutschem Boden deutsche Gesetze gälten - auf jedem anderen Boden also nicht. So technisch-tollkühn, der Feststellung auch Taten folgen zu lassen, waren aber allem Anschein nach doch nur die Amerikaner. Ein ausgespähtes Kanzlerinnen-Handy, aus dem Daten „abgeflossen“ seien! Das klingt im Zeitalter der Big-Data-Verheißungen und des Aufbaus flächendeckender, digitaler Terrorismusabwehranlagen nach Spionage alter Schule.

          Die alltägliche Verschmelzung von Mensch und Maschine

          Der Spion allerdings ist auf der Höhe der Zeit. Er kommt nicht im Smoking, sondern im Metallgewand daher. Er hat zwei Augen, um hinter sich sehen zu können, und er hat zwei Ohren, damit das eine die Störgeräusche für das andere filtert. Es sind die üblichen Botschaften - mehr Pixel, sensiblere Sensoren, längere Akkulaufzeit und ständige Verfügbarkeit -, die das Handy zur ersten Wahl unter Wissbegierigen macht. Es steht nicht einfach mit im Raum, wie Günter Guillaume, es liegt auf dem Tisch, und zwar völlig selbstverständlich.

          Man muss wissen, dass die Bewegungssensoren aktueller Handys derart fein justiert sind, dass sie Tastaturanschläge unterscheiden können, wenn sie zwanzig Zentimeter (also in Griffweite, alles andere widerspräche der Natur der Moderne) von einer Tastatur entfernt liegen. Dass Kameras heute Bilder aufnehmen und es dem Betrachter überlassen, im Nachhinein zu entscheiden, welche Ausschnitte er scharf sehen möchte, ist nicht nur für Partynächte ein beliebtes Feature. Das neuste Google-Handy hört ständig zu, das neueste Apple-Modell fotografiert bei jeder Helligkeit farbecht, das neueste Samsung-Gerät steht in ständigem Funkkontakt mit Uhren. Für die alltägliche Verschmelzung von Mensch und Maschine brauchte es gar keinen Computer, der wie eine Brille aussieht. Einem Geheimdienst, der sich vorgenommen hat, alles wenigstens einmal auszuprobieren, lässt sich die Spielerei mit dem Smartphone kaum verübeln. Ja, die Kanzlerin hat ein Handy - und wir alle auch.

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