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Literarische Utopien : Wir brauchen eine neue Science-Fiction!

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Die NSA hat alle Entwürfe für eine freie digitale Gesellschaft zunichtemacht. Jetzt müssen Wissenschaftler, Programmierer und Schriftsteller gemeinsam das Gegenprogramm formulieren.

          Edward Snowdens NSA-Enthüllungen haben über Monate hinweg immer neue schwere Schocks durch das Internet gejagt. Der schiere Umfang der aus Schwarzen Budgets gespeisten Maschinerie, die Raffinesse, mit der sie sich von den Kontrollmechanismen des demokratisch verfassten Rechtsstaats abzukoppeln verstand, überraschte auch hartgesottene Beobachter der Szene.

          Die netzfernen Teile der Bevölkerung schienen die Vorgänge nicht zu verstehen, sie blieben ebenso passiv wie der Staat, der die Bürger eigentlich schützen sollte, sich aber nicht einmal selbst verteidigen kann. In vielen Menschen wuchs ein Gefühlsgemisch aus Wut, Ekel und Hilflosigkeit heran. Woher nahm dieser Schock seine enorme Wucht? Viel war die Rede von enttäuschten Hoffnungen. Die Technik selbst kann diese Leidenschaften nicht geweckt haben, die öde PR der IT-Branche ebensowenig. Die Vision des Netzes als Chance, als System mit emanzipativem Potential, entstand vielmehr aus einer Wechselwirkung der Ingenieurkultur mit der Literatur, vor allem mit der Science-Fiction. Nimmt man die NSA-Krise nur als technisches und juristisches Problem wahr, wird man ihr deshalb nicht gerecht. Sie hat auch die Netzkultur mit ihren Rollen und Identitäten empfindlich beschädigt.

          Die Früheinsteiger in die Welt der Computernetzwerke der neunzehnhundertachtziger und frühen neunziger Jahre wurden schon in Filmen und Literatur mit dem Kontrollszenario sozialisiert, das nun über sie hereingebrochen ist, also lange, bevor es sich technisch voll entfalten konnte. Auch wenn die Wirkung der Literatur auf die Ausgestaltung technischer Systeme nicht so unmittelbar sein mag wie die eines Standardisierungsdokuments, so wird es doch Zeit, die literarische Seite der digitalen Revolution zu untersuchen und zur Rechenschaft zu ziehen: Science-Fiction ist mindestens so wichtig wie TCP/IP.

          Günter Hack ist Schriftsteller. Er wurde 1971 in Kelheim geboren. Er ist gelernter Schriftsetzer, hat an der Universität St. Gallen und als Journalist gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm der Roman „ZRH“ (2009). Seit 2006 lebt er in Wien.

          Als der Internetpionier J.C.R. Licklider und seine Kollegen in den sechziger Jahren ihre ersten Rechner vernetzten, träumten sie vom „Intergalactic Network“ und von Mensch-Maschine-Symbiose, sicher nur halb im Scherz; der Wettlauf zum Mond war schon in vollem Gange, begleitet von perfekt orchestrierter Propaganda und großindustrieller Science-Fiction, die in Stanley Kubricks „2001“ kulminierte, im Videotelefon von Ma Bell, dem Orbital-Hilton und der Raumfähre von Pan-Am, alles unter dem Schutz der Supermächte Vereinigte Staaten und Sowjetunion. Es war eine Zeit der gemeinsamen Anstrengung in Großprojekten, mit Unterstützung einer komplexen Technik, die aber noch beherrschbar schien, vor allem im Kontrast zum Wahn der atomaren Hochrüstung.

          Die korporatistische Science-Fiction eines Arthur C. Clarke verlor spätestens mit der ersten Ölkrise und dem Ende des Apollo-Programms an Glaubwürdigkeit, „2001“ wirkt heute in seiner weißen Perfektion wie der Torso einer antiken griechischen Skulptur. Optimismus wich den Dystopien, der Blick wandte sich vom Sternenhimmel ab, kehrte sich mit den Texten eines J.G. Ballard nach innen oder berauschte sich mit Philip K. Dick an drogeninduzierten Mustern. Besonders hellsichtig und in Nerd-Kreisen einflussreich war der Roman „Schockwellenreiter“ („Shockwave Rider“, 1975) des Briten John Brunner, der Motive etablierte, die erst in den achtziger Jahren wieder aufgegriffen wurden: Ein jugendlicher Hacker setzt sein Programmiertalent gegen das korrupte Netzwerk des Kontrollstaats ein und befreit geheime Informationen – quasi eine Blaupause für die Aktionen eines Julian Assange. Brunner schrieb zu einer Zeit, in der die Regierung Richard Nixons unter der eigenen Überwachungswut implodierte.

          1982 kreuzten sich grundlegende technische und kulturelle Ereignisse: Im März standardisierte das amerikanische Verteidigungsministerium das Internetprotokoll TCP/IP, im Juni kam „Blade Runner“ von Ridley Scott – nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick – in die Kinos, im Juli erschien in Bob „Penthouse“ Gucciones Zukunftsmagazin „OMNI“ die Kurzgeschichte „Burning Chrome“ von William Gibson, der Urknall der Cyberpunk-Bewegung. Bühne und Requisiten für die kommende Netzkultur standen nun bereit.

          Mit dem Cyberpunk ereignete sich, zur Thatcher-Reagan-Ära passend, eine neoliberale Wende in der Science-Fiction. War in Brunners „Schockwellenreiter“ der Staat der Antagonist des Hacker-Helden, verkam er in Gibsons „Sprawl“-Romanen wie „Neuromancer“ (1984) zum Spielplatz für Megakonzerne. Nationalstaaten existierten bei Gibson zwar noch, ihre Institutionen spielten aber kaum eine Rolle. Auch andere wichtige Cyberpunk-Autoren wie Bruce Sterling oder Neal Stephenson konzentrierten sich auf den global-systemischen Charakter der von ihnen beschriebenen Phänomene.

          Die mit der Cyberpunk-Welle etablierten Akteure definierten bis zum Ende des Dotcom-Booms der Neunziger die Coolnessparameter im Silicon Valley. Als das Magazin „Wired“ 1993 zum ersten Mal erschien, stammte die Titelgeschichte von Bruce Sterling. Sie handelte vom Einsatz moderner Simulationstechnik beim Militär. Neal Stephenson verfasste für das Blatt 1996 eine exzellente Großreportage über die Vernetzung des Planeten mittels neuer Unterseekabel, aus der Versatzstücke in seinen Roman „Cryptonomicon“ (1999) eingehen sollten. „Cryptonomicon“ feierte, wie „Wired“, libertäre Nerds als Helden, die sich mittels ihres Wissens von staatlichen Zwängen befreien können. Der Roman reflektierte auf seine Weise die „Cryptowars“ der neunziger Jahre, in denen der NSA ihr wichtigstes Täuschungsmanöver gelang: Sie tat so, als habe der Staat den Krieg gegen die Interessen der Wirtschaft verloren – und arbeitete eifrig daran, Verschlüsselungsstandards zu schwächen.

          Das freilich konnte Stephenson nicht ahnen. Der Nationalstaat war der Treppenwitz der frühen Netzkultur, ein überkommenes Gebilde, das hinter den stärkeren globalisierten Playern wie Konzernen und Verbrechenssyndikaten zurückbleiben musste. Die „Wired“-Crew war mit dieser Einschätzung zu der Zeit gewiss nicht allein, sie begleitete, anders als etwa Attac, die scheinbare Machtverschiebung vom staatsgelenkten Korporatismus hin zum Primat der Konzerne aber affirmativ.

          Cyberpunk erklärte den Hacker zum Helden in der Tradition des amerikanischen Westens: Hier ist das Neuland, junger Mann, hier kann ein smarter Bursche noch einen Unterschied machen und vielleicht sogar sein Glück. Gibsons Helden waren Underdogs, die übermächtigen Konzernen soziale Mobilität abtrotzten. Der tägliche Umgang mit dem vernetzten Computer, einer Ermächtigungsmaschine, die es begabten Menschen ermöglichte, ihre Ideen sofort umzusetzen, ging mit dieser Botschaft in starke Resonanz, auch dann, als der Cyberpunk schon wieder aus der Mode war, wirkte diese Botschaft im Boom der Dotcom-Ära und darüber hinaus weiter.

          Die NSA hat dieses Selbstverständnis zerstört, mit ihr kamen die Männer im grauen Flanellanzug wieder zurück, Kreaturen der fünfziger Jahre, die alte IBM-Taktik der „human wave“ hat über die individualistischen Genies gesiegt, Vater Staat hat die Business-Cyberpunks abgefertigt und sie zu seinen Sockenpuppen degradiert. Die NSA hat das Konstrukt des libertären Hackers als Selfmademan gebrochen. Die Wut des Google-Ingenieurs, der ein herzhaftes „Fuck you!“ bloggt, als er erfahren muss, dass die Agenten längst in seinem eigenen Backbone hängen, drückt die Demütigung aus, die seine Kultur erfahren musste.

          Materialien für ein neues Jenseits

          1975, im selben Jahr, in dem der „Schockwellenreiter“ erschien, kam ein weiteres Buch auf den Markt, das die Hackerkultur stark beeinflussen sollte, der erste Band der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea. Der fragwürdige Held von „Illuminatus!“, Hagbard Celine, muss sich darin mit den Illuminati herumschlagen, einer Organisation, deren Geschäft die Täuschung ist. Die Illuminatus-Bände sind keine literarischen Meisterwerke, das Grundgefühl aller späteren Cybersecurity-Profis und Online-Journalisten – jedes vorliegende Phänomen kann immer auch ein Fake sein – brachten Shea und Wilson aber perfekt auf den Punkt, es ist die Paranoia der vom amerikanischen Sicherheitsapparat unterwanderten Gegenkultur. Eines der Bossmonster in der Trilogie ist dann auch der Leviathan, nebenbei Thomas Hobbes’ Avatar für den Staat. Ist mit Snowdens Enthüllungen dieser Leviathan wieder aufgetaucht?

          Der Cyberpunk und der Nonsens-Illuminat treffen sich, wenn es darum geht, die Realitätserfahrung aufzulösen, aber nur, um sofort in völlig verschiedene Richtungen auseinanderzustreben. Shea und Wilson optierten für die Kontingenz der Paranoia. In William Gibsons frühen Geschichten sowie in der Sprawl-Trilogie ging es immer um das Verhältnis von Simulation zu Realität, eine Trennung, die sich bis in die Körper der Hacker-Protagonisten hinein fortsetzte, die zum „Meatspace“ ein augustinisches Verhältnis pflegen. Aktualisiert und popularisiert wurde dieses Motiv der Science-Fiction von den Wachowski-Brüdern in den Filmen der „Matrix“-Trilogie, in denen sehr deutlich wird, dass das Virtuelle nichts weiter ist als ein materialistisch rückgebundenes Jenseits.

          Die Trennung in einen langweiligen Meatspace, der von althergebrachten Kräften beherrscht wird, und ein Cyberspace-Neuland, in dem mit den richtigen Fähigkeiten so gut wie alles geht, bestimmt auch heute noch die Debatte. Die religiöse Tradition dieses Topos verleiht ihm seine Macht und lädt zu klassischen Formen politischer Bigotterie ein. Für den modernen Sicherheitspolitiker ist das Internet je nach Bedarf gleichzeitig rechtsfreier Raum und Ort des Anything Goes, des systematischen Rechtsbruchs durch staatliche Organisationen, die praktischerweise mit Gewaltmonopol und, im Fall der NSA, mit unerschöpflichen Ressourcen ausgestattet sind. Auch hier gilt: Wenn Amazon, Apple und Google sich im Rahmen der Globalisierung die günstigsten Lücken im Steuerrecht aussuchen, dann kann der Staat auf dieselbe Weise die Gewaltenteilung umgehen und alle gesetzlichen Hemmnisse abstreifen, seine Stärke, die im Inneren gebunden ist, im Außenraum endlich ausleben. Snowden hat nichts weiter getan, als den Stöpsel aus der Badewanne dieses Leviathans zu ziehen, nun liegt das mythische Monstrum nackt vor uns und windet sich.

          Als William Gibson die Fleischfeindlichkeit seiner Konsolen-Cowboys beschrieb, kritisierte er die religiöse Trennung von Cyberspace und Meatspace bereits, indem er sie mit Vorstellungen aus Voodoo-Kulten identifizierte. Auch die von ihm beschriebene Künstliche Intelligenz, die aus den Computersystemen eines Megakonzerns hervorgeht, muss ihre Macht mittels ferngesteuerter Maschinen und Menschen in der physischen Realität verankern. Die Silicon-Valley-Hypemaschine übersah solche Subtilitäten geflissentlich oder nutzte sie zu ihrem eigenen Vorteil.

          Es war auch Gibson, der nach dem 11. September 2001 die Häutung des militärisch-industriellen Komplexes der Vereinigten Staaten zur Überwachungsmaschinerie literarisch begleitet hat. Vision, Potential und Realität überlagern nun einander, die Polyvalenz der digitalen Technologie macht jede Spekulation über ihre Möglichkeiten sofort plausibel und damit leider auch langweilig. Mag sein, dass jede hinreichend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist, aber die Latenzzeit hin zur Entzauberung wird sehr schnell sehr viel kürzer, sobald das Grundprinzip des Tricks bekannt ist. Die Computer sind schließlich als Turing-Maschinen innerhalb einer anderen Turing-Maschine jederzeit berechenbar.

          Den neuen Code schreiben

          Das gilt leider auch für die Texte, die sie verarbeiten. Mit Snowden ist die Digitaltechnik in ihren meisten Facetten auserzählt, ein Börsianer würde wohl sagen, es stecke kaum mehr Phantasie drin. Diese Stagnation der Science-Fiction ist gefährlich, denn sie verhindert, dass die Technik-Erzählung über den Status quo hinaus geht: Man hätte es nicht mehr mit dem Ende der Geschichte zu tun, sondern mit dem Ende der Geschichten.

          Die Literatur hat uns auf die Welt der NSA mit all ihren Ambivalenzen zwar vorbereitet, aber vielleicht etwas zu gründlich. Der Cyberpunk-Kosmos existierte schon als Soll-Zustand, bevor die Netze verbreitet waren, ganz so, als ob es nicht hätte anders kommen können. Je fester ein System von Metaphern gefügt ist, je enger es mit der Realität verzahnt ist, desto leichter kann es zum Angriffsziel werden, desto schlimmer sein Versagen. In der Demütigung der Netzkultur steckt aber auch eine Kraft, die es zu nutzen gilt. Es liegt nicht nur an Cyberpunks und Technikern, die herrschenden Machtverhältnisse in eine neue, für das Wohlergehen der Individuen günstigere Balance zu bringen. Ohne Erzählung ist die Technik tot. Die krisenhafte Wiederholung bekannter Topoi aus dem Orwell-Arsenal und der Hackerparanoia hilft nicht weiter, es ist das Lied der Unterdrückten, es weiter herunterzuleiern ist verbrecherisch öde, allein schon deshalb steht die Überwindung des Überwachungsparadigmas kurz bevor.

          Wissenschaftler, Programmierer und Schriftsteller müssen und werden gemeinsam ein neues Feld aufziehen, ihre zerbrochene Kultur erneuern, wieder in Resonanz gehen, neuen Code schreiben, oder besser: etwas schaffen, das über das Konzept von Code hinausgeht, neue Horizonte öffnet. Es ist eine Aufgabe von überwältigender Schönheit.

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