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Literarische Utopien : Wir brauchen eine neue Science-Fiction!

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Die NSA hat alle Entwürfe für eine freie digitale Gesellschaft zunichtemacht. Jetzt müssen Wissenschaftler, Programmierer und Schriftsteller gemeinsam das Gegenprogramm formulieren.

          8 Min.

          Edward Snowdens NSA-Enthüllungen haben über Monate hinweg immer neue schwere Schocks durch das Internet gejagt. Der schiere Umfang der aus Schwarzen Budgets gespeisten Maschinerie, die Raffinesse, mit der sie sich von den Kontrollmechanismen des demokratisch verfassten Rechtsstaats abzukoppeln verstand, überraschte auch hartgesottene Beobachter der Szene.

          Die netzfernen Teile der Bevölkerung schienen die Vorgänge nicht zu verstehen, sie blieben ebenso passiv wie der Staat, der die Bürger eigentlich schützen sollte, sich aber nicht einmal selbst verteidigen kann. In vielen Menschen wuchs ein Gefühlsgemisch aus Wut, Ekel und Hilflosigkeit heran. Woher nahm dieser Schock seine enorme Wucht? Viel war die Rede von enttäuschten Hoffnungen. Die Technik selbst kann diese Leidenschaften nicht geweckt haben, die öde PR der IT-Branche ebensowenig. Die Vision des Netzes als Chance, als System mit emanzipativem Potential, entstand vielmehr aus einer Wechselwirkung der Ingenieurkultur mit der Literatur, vor allem mit der Science-Fiction. Nimmt man die NSA-Krise nur als technisches und juristisches Problem wahr, wird man ihr deshalb nicht gerecht. Sie hat auch die Netzkultur mit ihren Rollen und Identitäten empfindlich beschädigt.

          Die Früheinsteiger in die Welt der Computernetzwerke der neunzehnhundertachtziger und frühen neunziger Jahre wurden schon in Filmen und Literatur mit dem Kontrollszenario sozialisiert, das nun über sie hereingebrochen ist, also lange, bevor es sich technisch voll entfalten konnte. Auch wenn die Wirkung der Literatur auf die Ausgestaltung technischer Systeme nicht so unmittelbar sein mag wie die eines Standardisierungsdokuments, so wird es doch Zeit, die literarische Seite der digitalen Revolution zu untersuchen und zur Rechenschaft zu ziehen: Science-Fiction ist mindestens so wichtig wie TCP/IP.

          Günter Hack ist Schriftsteller. Er wurde 1971 in Kelheim geboren. Er ist gelernter Schriftsetzer, hat an der Universität St. Gallen und als Journalist gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm der Roman „ZRH“ (2009). Seit 2006 lebt er in Wien.
          Günter Hack ist Schriftsteller. Er wurde 1971 in Kelheim geboren. Er ist gelernter Schriftsetzer, hat an der Universität St. Gallen und als Journalist gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm der Roman „ZRH“ (2009). Seit 2006 lebt er in Wien. : Bild: privat

          Als der Internetpionier J.C.R. Licklider und seine Kollegen in den sechziger Jahren ihre ersten Rechner vernetzten, träumten sie vom „Intergalactic Network“ und von Mensch-Maschine-Symbiose, sicher nur halb im Scherz; der Wettlauf zum Mond war schon in vollem Gange, begleitet von perfekt orchestrierter Propaganda und großindustrieller Science-Fiction, die in Stanley Kubricks „2001“ kulminierte, im Videotelefon von Ma Bell, dem Orbital-Hilton und der Raumfähre von Pan-Am, alles unter dem Schutz der Supermächte Vereinigte Staaten und Sowjetunion. Es war eine Zeit der gemeinsamen Anstrengung in Großprojekten, mit Unterstützung einer komplexen Technik, die aber noch beherrschbar schien, vor allem im Kontrast zum Wahn der atomaren Hochrüstung.

          Die korporatistische Science-Fiction eines Arthur C. Clarke verlor spätestens mit der ersten Ölkrise und dem Ende des Apollo-Programms an Glaubwürdigkeit, „2001“ wirkt heute in seiner weißen Perfektion wie der Torso einer antiken griechischen Skulptur. Optimismus wich den Dystopien, der Blick wandte sich vom Sternenhimmel ab, kehrte sich mit den Texten eines J.G. Ballard nach innen oder berauschte sich mit Philip K. Dick an drogeninduzierten Mustern. Besonders hellsichtig und in Nerd-Kreisen einflussreich war der Roman „Schockwellenreiter“ („Shockwave Rider“, 1975) des Briten John Brunner, der Motive etablierte, die erst in den achtziger Jahren wieder aufgegriffen wurden: Ein jugendlicher Hacker setzt sein Programmiertalent gegen das korrupte Netzwerk des Kontrollstaats ein und befreit geheime Informationen – quasi eine Blaupause für die Aktionen eines Julian Assange. Brunner schrieb zu einer Zeit, in der die Regierung Richard Nixons unter der eigenen Überwachungswut implodierte.

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