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Literarische Utopien : Wir brauchen eine neue Science-Fiction!

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Die NSA hat dieses Selbstverständnis zerstört, mit ihr kamen die Männer im grauen Flanellanzug wieder zurück, Kreaturen der fünfziger Jahre, die alte IBM-Taktik der „human wave“ hat über die individualistischen Genies gesiegt, Vater Staat hat die Business-Cyberpunks abgefertigt und sie zu seinen Sockenpuppen degradiert. Die NSA hat das Konstrukt des libertären Hackers als Selfmademan gebrochen. Die Wut des Google-Ingenieurs, der ein herzhaftes „Fuck you!“ bloggt, als er erfahren muss, dass die Agenten längst in seinem eigenen Backbone hängen, drückt die Demütigung aus, die seine Kultur erfahren musste.

Materialien für ein neues Jenseits

1975, im selben Jahr, in dem der „Schockwellenreiter“ erschien, kam ein weiteres Buch auf den Markt, das die Hackerkultur stark beeinflussen sollte, der erste Band der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea. Der fragwürdige Held von „Illuminatus!“, Hagbard Celine, muss sich darin mit den Illuminati herumschlagen, einer Organisation, deren Geschäft die Täuschung ist. Die Illuminatus-Bände sind keine literarischen Meisterwerke, das Grundgefühl aller späteren Cybersecurity-Profis und Online-Journalisten – jedes vorliegende Phänomen kann immer auch ein Fake sein – brachten Shea und Wilson aber perfekt auf den Punkt, es ist die Paranoia der vom amerikanischen Sicherheitsapparat unterwanderten Gegenkultur. Eines der Bossmonster in der Trilogie ist dann auch der Leviathan, nebenbei Thomas Hobbes’ Avatar für den Staat. Ist mit Snowdens Enthüllungen dieser Leviathan wieder aufgetaucht?

Der Cyberpunk und der Nonsens-Illuminat treffen sich, wenn es darum geht, die Realitätserfahrung aufzulösen, aber nur, um sofort in völlig verschiedene Richtungen auseinanderzustreben. Shea und Wilson optierten für die Kontingenz der Paranoia. In William Gibsons frühen Geschichten sowie in der Sprawl-Trilogie ging es immer um das Verhältnis von Simulation zu Realität, eine Trennung, die sich bis in die Körper der Hacker-Protagonisten hinein fortsetzte, die zum „Meatspace“ ein augustinisches Verhältnis pflegen. Aktualisiert und popularisiert wurde dieses Motiv der Science-Fiction von den Wachowski-Brüdern in den Filmen der „Matrix“-Trilogie, in denen sehr deutlich wird, dass das Virtuelle nichts weiter ist als ein materialistisch rückgebundenes Jenseits.

Die Trennung in einen langweiligen Meatspace, der von althergebrachten Kräften beherrscht wird, und ein Cyberspace-Neuland, in dem mit den richtigen Fähigkeiten so gut wie alles geht, bestimmt auch heute noch die Debatte. Die religiöse Tradition dieses Topos verleiht ihm seine Macht und lädt zu klassischen Formen politischer Bigotterie ein. Für den modernen Sicherheitspolitiker ist das Internet je nach Bedarf gleichzeitig rechtsfreier Raum und Ort des Anything Goes, des systematischen Rechtsbruchs durch staatliche Organisationen, die praktischerweise mit Gewaltmonopol und, im Fall der NSA, mit unerschöpflichen Ressourcen ausgestattet sind. Auch hier gilt: Wenn Amazon, Apple und Google sich im Rahmen der Globalisierung die günstigsten Lücken im Steuerrecht aussuchen, dann kann der Staat auf dieselbe Weise die Gewaltenteilung umgehen und alle gesetzlichen Hemmnisse abstreifen, seine Stärke, die im Inneren gebunden ist, im Außenraum endlich ausleben. Snowden hat nichts weiter getan, als den Stöpsel aus der Badewanne dieses Leviathans zu ziehen, nun liegt das mythische Monstrum nackt vor uns und windet sich.

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