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Interview mit Laura Poitras : Whistleblower im Whitney Museum

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George W. Bush begann den „War on Terror“ nach dem 11. September 2001 in einer Art Ausnahmezustand – Präsident Obama hat Drohnenkrieg und Massenüberwachung ausgeweitet und zur Normalität amerikanischer Politik gemacht.

Unter Obama wurde vieles institutionalisiert, was Bush eingeführt hat, und wenn das erst einmal geschehen ist, ist es viel schwieriger, es zurückzudrehen. Das Beängstigende an diesem Krieg ist, dass kein Ende abzusehen ist. Wann wird er für siegreich und beendet erklärt werden? Es gibt kein erklärtes, erreichbares Ziel. Was Obama angeht, bin ich zutiefst enttäuscht, dass er Guantánamo nicht geschlossen hat. Und der Drohnenkrieg wird, glaube ich, noch auf uns zurückfallen. Ich persönlich will nicht in einer Welt leben, in der Drohnen über Länder fliegen und Menschen töten. Das passiert aber leider.

Nachdem ich „Citizenfour“ gesehen hatte, wollte ich alles Mögliche ändern. Ich habe gelernt, meine E-Mails zu verschlüsseln. Leider konnte ich es nie nutzen, da niemand, den ich kenne, verschlüsselt und es nur beidseitig funktioniert. Seither bin ich wieder ein dummer, passiver Bürger.

Wissen Sie, was Sie machen sollten? Laden Sie sich die App „Signal“ auf Ihr Telefon, das ist ein sehr gutes Programm. Viele Leute benutzen es, auch in Deutschland. Es verschlüsselt Telefonate und SMS völlig unkompliziert.

Warum gibt es keine viel größere Entrüstung über die Massenüberwachung? Was entgegnen Sie Leuten, die sagen, das macht mir nichts, ich hab’ ja nichts zu verbergen?

In Deutschland kann man ja gut jemanden fragen, der die Stasi erlebt hat. Der kann einem erklären, was das bedeutet. Was es für abweichende Meinungen bedeutet, was für die Kunst. Edward Snowden hat es einmal so gut gesagt: Wenn jemand so argumentiere, sagte er, könne er genauso gut sagen, das Recht auf Meinungsfreiheit sei ihm egal, er habe ja nichts zu sagen.

Haben Sie noch Kontakt zu Edward Snowden?

Ja, habe ich. (Sie sagt es so, dass klar ist, dass sie kein weiteres Wort dazu sagen wird.)

Seichteres Thema: Haben Sie die neueste Staffel „Homeland“ gesehen? Da gibt es eine Figur, die Ihnen nachempfunden ist. Eine Journalistin mit guten Kontakten in die Hackerszene. Sie heißt sogar Laura. Sie ist sehr ernst.

Sehr ernst. Beinahe schon frömmelnd. Ja, ich hab’s gesehen. Ich habe alle fünf Staffeln gesehen. Die erste fand ich am besten. Die hatte komplexe Figurenentwicklungen, und ich mochte die Tochter, die gegen alles rebellierte. Was die fünfte Staffel angeht – ich fand sie islamfeindlich und zu sehr aus Geheimdienstsicht erzählt, außerdem werden alle Frauen als psychisch labil dargestellt. Und aus meiner persönlichen Sicht jetzt war es schon etwas surreal. Trotzdem mag ich, dass diese Serie manchmal provokative Fragen aufwirft. Und ich fand interessant, die fünfte Staffel in Berlin spielen zu sehen. Aber ich fand eine andere Serie großartig, die letztes Jahr rauskam, spielt auch im Hackermilieu: „Mr. Robot“. Die müssen Sie sehen, die ist toll.

Dann habe ich gelesen, dass Sie letztes Jahr irgendwann in Hongkong im selben Hotel wohnten, in dem Sie Snowden interviewt haben, im „Mira“. Im Aufzug sollen Sie zufällig dem Filmteam begegnet sein, das genau dieses Ereignis dort nachgespielt hat. Ein Snowden-Spielfilm, Regie: Oliver Stone. Geht es noch surrealer?

Es war ein totaler Zufall, dass ich zur selben Zeit dort war. Ich kam gerade aus China, wo ich mit Ai Weiwei und dem Internetaktivisten Jacob Appelbaum gefilmt hatte, und in Hongkong kam gerade „Citizenfour“ raus, deshalb war ich genau an dem Wochenende da, an dem sie dort gedreht haben.

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