https://www.faz.net/-gsf-8d9ta

Interview mit Laura Poitras : Whistleblower im Whitney Museum

  • -Aktualisiert am

Was die Arbeitsweise angeht, gar nicht. Schon in meinem Gentrifizierungsfilm habe ich versucht, nicht so etwas wie „die anderen“ zu erschaffen. Mir ging es schon immer darum, Verständnis dafür zu wecken, wie etwas von einer anderen Perspektive aus ist. Und ich habe auch da schon versucht, die Macht in Frage zu stellen. Es ist eher das Thema, das sich durch den 11. September geformt hat. Als ich damals an Ground Zero gefilmt habe, gleich nach den Anschlägen, wusste ich nicht, dass dies der Anfang eines Werks sein würde, das Amerika nach dem 11. September dokumentiert. Das wurde mir erst klar, als der Irak-Krieg sich abzeichnete, der durch nichts gerechtfertigt war. Und durch die Einrichtung von Guantánamo. Da fand ich, dass ich mich engagieren musste.

Sie sind 2004 in den Irak gegangen, um zu filmen. Während Ihres Aufenthalts gab es acht Minuten, die Ihr Leben verändern sollten. Können Sie knapp beschreiben, was in diesen acht Minuten geschah?

Ich war acht Monate in Bagdad, embedded ins amerikanische Militär, filmte aber auch eine irakische Familie. Eines Abends griffen amerikanisches Militärs und irakische Truppen während des Abendgebets eine Moschee an, Zivilisten wurden getötet. Am nächsten Tag gab es Kämpfe. Ich habe keine Kampfhandlungen auf der Straße gefilmt, sondern mich dafür interessiert, wie Zivilisten im Krieg leben. Und die Familie, die ich filmte, ging irgendwann aufs Dach ihres Hauses, um sich umzusehen, und ich folgte ihnen und filmte sie dort oben acht Minuten und 16 Sekunden, anschließend gingen wir wieder ins Haus, wo ich weiter filmte. Was ich erst später aus Dokumenten erfahren habe, ist, dass das amerikanische Militär mich auf dem Dach filmen sah und das verdächtig fand. Dies zog eine massive nationale Sicherheitsuntersuchung nach sich, deren Zielperson ich war.

Anschließend haben Sie aus erster Hand erlebt, was Sie „the deep state“ nennen. Was hat es damit auf sich?

Der „deep state“, das sind die Kräfte, die der Staat nutzt, die vollkommen im Verborgenen sind und oft geheim. Dazu gehören die Geheimdienste, also CIA und NSA, sowie geheime Programme. Er wird von Leuten gelenkt, die wir nicht gewählt haben, deren Namen wir in vielen Fällen noch nicht einmal kennen, genauso wenig wie ihre Entscheidungen, die aber in der Weltpolitik immens viel Macht und Einfluss haben. Das findet also außerhalb des demokratischen Prozesses statt. Man könnte sagen, der amerikanische Präsident und der NSA-Chef haben beide sehr viel Macht. Den NSA-Chef wählen wir aber nicht.

Würden Sie sagen, dieser „deep state“ ist vielleicht sogar mächtiger als die Regierung?

Ich glaube immer noch an die Demokratie, noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben (lacht), aber sie haben viel Macht. Und aufgrund meiner Arbeit wurde ich zum Ziel geheimdienstlicher sowie strafrechtlicher Ermittlungsverfahren, wovon ich nichts wusste. Man hat mich nie benachrichtigt oder offiziell befragt. Es ist ein System, das außerhalb dessen stattfindet, was wir mitkriegen.

Von 2006 an wurden Sie an Flughäfen festgehalten.

Dadurch wusste ich, dass etwas in der Luft lag. Jedes Mal wenn ich von irgendwoher in die Staaten zurückkam, waren Agenten im Flugzeug, die mich in einen Verhörraum brachten und mich befragten, oft durchsuchten und meine Notizbücher kopierten, eine Behandlung, die ziemlich in die Privatsphäre eindringt. Ich bekam nie eine Antwort auf meine Frage, warum sie das taten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.
Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.