https://www.faz.net/-gsf-7irhu

Kommunikationsüberwachung : Der Feind schreibt eine SMS

  • Aktualisiert am

Verwundbar: die Kanzlerin im November 2011 mit ihrem Regierungssprecher Steffen Seibert Bild: dpa

Jemand war an Angela Merkels Handy dran. Aber wer? Und wie? Die Mittel zur Kommunikationsüberwachung sind fest in amerikanischer Hand. Kann Europa ihnen ein eigenes, sicheres System entgegensetzen? Möglich wäre das, sagt der IT-Sicherheitsexperte Magnus Harlander im F.A.Z.-Gespräch.

          4 Min.

          Herr Harlander, Sie helfen der Bundesregierung dabei, abhörsicher zu kommunizieren. Eigentlich müssten Sie ja schuld daran sein, dass Angela Merkels Handy abgehört wurde.

          Nein, Handys bieten wir nicht an.

          Was leistet denn Ihre Münchner IT-Firma genua?

          Wir stellen Sicherheitsleistungen bereit, Soft- und Hardware, für alle sensiblen Kommunikationsbereiche in Wirtschaft und Verwaltung, auch in der Politik, allgemein für Computer, Laptops und Server; für Geräte wie Tablets und Handys bisher nicht. Hier bieten andere Anbieter gesicherte Systeme an, unter anderen auch die Telekom das sogenannte SiMKo-Handy: sichere mobile Kommunikation.

          Aber wie sieht es in dem allgemeinen Computer-Bereich aus - kann die Sicherheitssoftware, die Sie anbieten, gegen der Infrastruktur der amerikanischen IT-Giganten etwas ausrichten?

          Unsere System adressieren als zusätzliche Sicherheitskomponenten die grundsätzlichen Sicherheitsprobleme der Netzinfrastruktur, die in der Regel von amerikanischen oder chinesischen Anbietern kommt.

          Wo sitzen die Abhörspezialisten? Möglicherweise in dem verglasten Rundbau der amerikanischen Botschaft in Berlin am Pariser Platz
          Wo sitzen die Abhörspezialisten? Möglicherweise in dem verglasten Rundbau der amerikanischen Botschaft in Berlin am Pariser Platz : Bild: dpa

          Gibt es denn überhaupt abhörsichere Handys?

          Für die Allgemeinheit eher nicht. Schon deswegen, weil 99 Prozent aller Handys mit unverschlüsselter Kommunikation arbeiten.

          Wie hört man Handys ab, wie geht das technisch genau vor sich?

          Bei einem Standard-Handy ist das Abhören absolut kein Problem. Prinzipiell gibt es mindestens zwei Möglichkeiten. Einmal über einen sogenannten IMSI-Catcher: Der „Gegner“ täuscht gewissermaßen eine Basisstation des Mobilfunkproviders für den Abgehörten vor, bei dem sich das Handy anmeldet, und von der aus er alle Kommunikation überwachen kann, SMSe genauso wie Gespräche, indem das Handymikrofon eingeschaltet wird. So einen IMSI-Catcher kann man sich für 50.000 Euro kaufen oder, in einer erheblich einfacheren Version, mit einem Bausatz für zwei- bis dreihundert Euro selbst zusammenbasteln. Die zweite Möglichkeit ist, dass der Gegner, beispielsweise die NSA, der abzuhörenden Person SMSe oder MMSe schickt, mit oder ohne Anhang, die auch unsichtbar sein, also im Hintergrund bleiben können. So kann das Handy manipuliert und zum Beispiel zusätzliche Software installiert werden. Bei Angela Merkel ist davon auszugehen, dass sie in der Regel unverschlüsselt in SMSen oder Gesprächen kommuniziert, und zwar schon deswegen, weil sie viele Gesprächspartner hat und nicht damit rechnen kann, dass diese auch mit denselben gesicherten Geräten ausgestattet sind.

          Wurde bei Angela Merkel die Kommunikation inhaltlich, gewissermaßen im Wortlaut abgehört, oder waren es nur die Metadaten: wann sie von wo aus mit wem wie lange kommuniziert hat?

          Ziemlich sicher beides.

          Der Sprecher des Weißen Hauses hat gesagt, Angela Merkel werde gegenwärtig und auch in Zukunft nicht abgehört.

          Ja, diese Formulierung ist vielsagend und kann ja auch bedeuten, dass in der Vergangenheit sehr wohl abgehört wurde.

          Jemand war also an Angela Merkel „dran“. Die Frage ist: wie? Könnte es nicht auch sein, dass jemand, entweder schon der Ausrüster beim Aushändigen oder später jemand anderes das Handy physisch in der Hand hatte und eine Wanze installiert hat?

          Theoretisch ja. Es ist aber gar nicht nötig. Wahrscheinlicher ist, dass man das durch Datenübertragung geschafft hat, also über einen regelrechten Merkel-Trojaner, für den man das Gerät nicht in der Hand haben muss. Oder aber es ging über einen IMSI-Catcher.

          Dass die Bundesregierung die NSA-Affäre mit allem, was aus ihr folgen müsste, bisher heruntergespielt hat, ist das eine; das andere ist: War sie, war die politische Klasse vielleicht auch einfach selbst zu sorglos, was die Abhörpraxis betrifft?

          Ja, ganz sicher. Oft wollen die Behörden und Beamten gar nicht so genau wissen, ob die Sicherheitssysteme ihrer Kommunikationsmittel aus seriöser Quelle stammen oder vielleicht doch von einer Seite, die damit Abhörmöglichkeiten schaffen will. Sie verlassen sich eben darauf, dass alles seine Richtigkeit hat.

          Im Radio wurde heute morgen eine Äußerung von Hans-Christoph Quelle, dem Geschäftsführer von Secusmart, zitiert, das ist eine der Firmen, die die Bundesregierung mit Handys versorgt. Der Mann sagte, allerdings schon Anfang Oktober: „Sicherheit allein ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass es so schön ist, dass die Leute das auch benutzen wollen.“ Da haben wirs!

          Ja, das war bisher immer die Forderung. Darauf basiert ja auch der Erfolg von Apple.

          Wenn ich selber aber doch sicherstellen will, dass ich am Handy nicht abgehört werde ...

          ... mmh, schlechte Karten.

          Und Skype? Wir wissen nicht, ob die Kanzlerin skypt, aber ist das wenigstens sicher?

          Nein, da hören Microsoft und die NSA mit. Jedes Gespräch, jede Videokonferenz kann kontrolliert werden.

          Aber nur deshalb, weil die Infrastruktur in amerikanischer Hand ist. Ist es denkbar, möglich, realistisch, dass die Europäer ihr etwas entgegensetzen? Vielleicht nicht gerade ein eigenes Google, aber doch ein System, das zwar nicht absolut abhörsicher sein mag, aber doch transparent, bei dem man wenigstens weiß, wer was abhören kann?

          Das ist durchaus realistisch. Deutsche IT-Sicherheits-Unternehmen sind mittelständisch strukturiert, technisch auf hohem Niveau, aber ohne die Vertriebs- und Lobby-Power der Amerikaner. In Europa müssen wir nur das entschieden einsetzen, was ja schon an vertrauenswürdigen Komponenten existiert, und damit aufhören, den einfachen Weg zu gehen, der bisher darin bestand, sich den großen Firmen auszuliefern. Und hier gibt es durchaus Chancen. Es gab dazu im September einen runden Tisch im Bundesinnenministerium.

          Kam dabei etwas heraus?

          Ja, es wurde zum Beispiel, so der Wortlaut, „die Bündelung der Nachfrage von Bund, Ländern und Kommunen, um auf diese Weise einen relevanten Markt für IT-Sicherheitslösungen zu schaffen bei stärkerer Berücksichtigung nationaler IT-Sicherheitsinteressen bei öffentlichen Vergaben“ vereinbart. Dazu eine Standardisierung und Konsolidierung der Informationstechnik des Bundes und ein breiter Einsatz einheitlicher IT-Sicherheitslösungen, zum Beispiel einer sicheren Cloud für die öffentliche Verwaltung. Schließlich auch eine Harmonisierung von EU-IT-Sicherheitsstandards zur Förderung eines einheitlichen Marktes. Es ist zumindest ein Anfang. Das können Sie alles auf der Homepage des Bundesinnenministeriums nachlesen.

          Sind Sie denn überrascht, dass Angela Merkels Handy abgehört wurde?

          Nein, überhaupt nicht.

          Ist Ihr Handy abhörsicher?

          Nein. Aber ich rede am Handy nicht über sensible Vorgänge.

          Der IT-Spezialist fürs Sensible

          Magnus Harlander ist einer der drei Geschäftsführer der Münchner IT- Firma genua, die für „sensible“ Kommunikationsbereiche in Wirtschaft, Verwaltung und Politik Sicherheitsleistungen bereitstellt. Seit 1994 arbeitet seine Firma mit der Bundesregierung zusammen - damals hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl. Dass Angela Merkels Handy abgehört wurde, konnte er nicht verhindern.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          „Wie Rom ohne Vatikan“

          Abschied von Merkel : „Wie Rom ohne Vatikan“

          Angela Merkel verlässt nach 16 Jahren die europäische Bühne. Bei ihrem letzten EU-Gipfeltreffen bekommt sie warme Worte, stehenden Applaus – und ein seltsames Geschenk. Sie selbst gab sich so nüchtern wie immer.

          Topmeldungen

          Michael Kaufmann (AfD) im März 2020

          Neuer Bundestag : Diesen Kandidaten schickt die AfD ins Rennen

          In der vergangenen Legislaturperiode sind sechs Kandidaten der AfD bei der Wahl für das Amt eines Vizepräsidenten des Bundestages durchgefallen. Jetzt kandidiert Michael Kaufmann. Hat er eine Chance?
          Zum ersten Mal Mitglied des Bundestages: Armin Laschet

          F.A.Z. Frühdenker : Die neuen Abgeordneten gehen an die Arbeit

          Rund vier Wochen nach der Wahl tagt der Bundestag zum ersten Mal in neuer Zusammensetzung. Zudem wirft der große Klimagipfel erste Schatten. In Japan erfüllt sich ein langgehegter Wunsch. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.