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Google startet „LinkNYC“ : Kameras an jeder Ecke

  • -Aktualisiert am

Eine von über siebentausend Telefonsäulen in New York City: Google ist gerade dabei, das größte städtische W-Lan-Netzwerk der Welt zu schaffen Bild: dpa

Anonym telefonieren in Telefonzellen war einmal. Heute darf Google Kameras in 7000 stillgelegten New Yorker Zellen installieren. Und wirbt offiziell mit kostenlosem W-Lan.

          Telefonzellen sind ein Relikt aus analoger Vorzeit. Heute muss man nicht mehr in einer zugigen Kabine auf offener Straße Münzgeld in einen Automaten werfen, um ein Ferngespräch zu führen. Heute kann man via Skype kostenlos Menschen auf allen Kontinenten der Welt anrufen. Dafür braucht man allerdings Internet, schnelles Internet. Im Rahmen des Projekts „LinkNYC“ hat die Google-Tochter Sidewalk Labs 7500 ausrangierte Telefonzellen in New York zu Wlan-Hotspots umgerüstet. Es soll das schnellste und größte städtische Wlan-Netzwerk der Welt werden: Nutzer können sich in einem Radius von fünfzig Metern einloggen und mit einem Tempo von bis zu einem Gigabit pro Sekunde im Netz surfen, kostenlos.

          Die Station ist mit einem Touchscreen ausgestattet, auf der Nutzer auf Apps zugreifen, einen Notruf absetzen und gratis im amerikanischen Netz telefonieren können. Dass Google Dienstleistungen nicht zum Nulltarif anbietet, ist offenkundig. Der Nutzer muss sich mit seiner E-Mail-Adresse anmelden und einwilligen, dass die Informationen auf seinem mobilen Endgerät für zwölf Monate gespeichert werden. Sidewalk Labs will die Daten zu Geld machen. Das entspricht dem klassischen Geschäftsmodell Daten gegen Dienste.

          Wissen, wo jemand wohnt oder arbeitet

          Die Bürgerrechtsorganisation New York Civil Liberties Union (NYCLU) hat in einem Brief an die Stadt New York die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die Firma City Bridge, die hinter Sidewalk Labs steht, sensible Daten wie politische Ansichten, religiöse Einstellungen oder gesundheitliche Probleme erfasst und diese auch an Ermittlungsbehörden weiterleiten könnte. In den Nutzungsbestimmungen heißt es vage, dass, wenn es eine behördliche Anfrage gibt, City Bridge „vernünftige Bemühungen macht, Sie von einer solchen Anfrage in Kenntnis zu setzen, soweit dies möglich ist“.

          Wenn LinkNYC speichert, wo und wann sich ein Mobilfunkgerät mit einem Hotspot verbindet, könnte dieser Pfad offenbaren, wo jemand wohnt, arbeitet, wohin er pendelt oder wen er besucht. Die Polizei könnte sich eine Liste von Mobilfunknummern beschaffen, die zu einer bestimmten Zeit im Umkreis einer WLAN-Säule notiert waren. Schon heute kann man Handys orten und feststellen, wer mit wem zu welcher Zeit telefoniert hat. Dazu bräuchte man aber zunächst das Handy des Gesuchten und korrespondierende Telefonnummern. Mit LinkNYC hätte man nicht nur sämtliche Handynummern, sondern sämtliche Websites-Aufrufe und Online-Aktivitäten. Es spannt sich also ein ganz neues Interaktionsnetz auf.

          Der Traum aller Datensammler

          Seit dem Streit zwischen Apple und dem FBI um die Entschlüsselung eines iPhones eines der Attentäter von San Bernardino ist die Debatte um eine Konfrontation zwischen Tech-Konzernen und den Geheimdiensten wieder aufgebrochen. Da Sidewalk Labs sein kostenloses WLAN-Programm ausdehnen will und sogar städtebauliche Ambitionen hegt, verschafft das der Frage nach dem Datenschutz eine neue Dringlichkeit. Die Sensoren und Kameras, die in den Wifi-Säulen integriert sind und auf deren Präsenz die Bürgerrechtsgruppe NYCLU aufmerksam macht, sind nach Angaben von LinkNYC abgeschaltet. Was freilich nicht heißt, dass sie nicht irgendwann eingeschaltet werden können.

          Es ist schon befremdlich, dass ein Konzern wie Google über seine Tochter Sidewalk Labs einfach so siebentausend Kameras im öffentlichen Raum installieren kann. Auch nach amerikanischem Recht dürfen private Überwachungskameras eigentlich nur auf dem eigenen Grundstück eingerichtet werden. Das wirft die Frage nach dem Hoheitsrecht auf. Wer kontrolliert den öffentlichen Raum? Gibt es überhaupt noch einen öffentlicher Raum, wenn ein privater Konzern sich eine Zugriffsermächtigung kraft seiner Technik schafft?

          Google könnte neben seinem Online-Tracking auch ein Tracking auf der Straße starten und so ein detailliertes Bewegungsprofil erstellen. Wer klickt wann welche Seite an? Wer läuft wann an welcher Säule vorbei? Lassen sich daraus Erkenntnisse über Kaufverhalten ableiten? Es ist der Traum aller Datensammler: Das Verhalten im Netz mit dem im realen Raum zu verzahnen. Die Zeiten, in denen man in Telefonzellen anonym telefonieren konnte, sind endgültig vorbei.

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