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Großbritanniens Geheimdienste : Die totale Überwachung

Großbritannien ist das Land mit der größten Dichte an Überwachungskameras Bild: dpa

In Großbritannien herrscht der Abhörstaat. Mit ein paar Mausklicks kann jeder Agent private Daten einsehen. Jetzt wachen die Briten auf. Vor allem die Schriftsteller setzen Zeichen.

          In der westlichen Welt haben die Enthüllungen von Edward Snowden wie Dynamit gewirkt. Außer in Großbritannien, das den Alarmruf über das Ausmaß der Datenüberwachung mit Gleichmut hingenommen hat. Ausgerechnet im Inselreich hat die Granate nicht gezündet, obwohl sie durch den „Guardian“ in die Weltöffentlichkeit geworfen wurde.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Romancier und Essayist John Lanchester spricht von einem „sonderbar widerhallenden Nicht-Echo“. Lanchester gesteht, zunächst nicht beunruhigt gewesen zu sein vom Snowden-Material. Er gehöre nicht zu den Linken, die „instinktiv“ meinen, der Staat dürfe keine Geheimnisse haben. Sein Fazit laute: Wir haben tödliche Feinde und müssen zähneknirschend hinnehmen, dass die elektronische Überwachung nötig ist.

          Im Übrigen zweifelte Lanchester, ob das Material Neues enthalte. Wussten wir nicht alle längst, dass wir überwacht werden? Doch dann ließ er sich vom „Guardian“ überreden, die entwendeten Geheimdienstdateien in New York einzusehen, wo sie journalistisch ausgewertet werden, um dem Zugriff der britischen Regierung zu entgehen. Eine Woche lang hat Lanchester „Dinge gelesen, die nie für Außenseiter bestimmt waren“. Er zählt, so der „Guardian“ zu den „sehr“ wenigen, denen Zugang zum Material gewährt wurde.

          Das Beunruhigende ist am Rand zu finden

          Die Akten haben seinen Blick verändert, hat Lanchester jetzt in einem großen Aufsatz für den „Guardian“ offenbart. Sie haben ihn überzeugt, dass die Snowden-Enthüllungen nicht nur wichtig, sondern entscheidend sind, „weil der Staat im Begriff ist, Befugnisse zu bekommen, die kein Staat je gehabt hat“.

          Das Gros der Überwachung gibt Lanchester keinen Anlass zur Sorge - die Beobachtung des Horns von Afrika, des Iraks und Nordkoreas etwa. Auch die gezielte Bespitzelung stellt er nicht in Frage. Das Beunruhigende sei am Rande der Geheimdiensttätigkeit zu finden.

          John Lanchester, hier bei einem Besuch in Frankfurt am Main, hat für den „Guardian“ das Snowden-Material gesichtet

          Dieser Rand sei allerdings sehr breit. Er ist nicht nur über das Ausmaß des in der freien Welt unübertroffenen Bespitzelungsvermögens der Government Communications Headquarters (GCHQ) alarmiert. Ihn beunruhigen die Dehnbarkeit der gesetzlichen Kontrollen - der Geheimdienst brüste sich des freizügigen Rechtsklimas; der Ehrgeiz der Techniker, ihre Befugnisse und Fähigkeiten zu erweitern; und die nachlässige Sicherheit innerhalb des Apparates.

          Das alles laufe auf etwas ganz Neues in der Geschichte der Menschheit hinaus: Dank unserer Abhängigkeit von digitalen Kommunikationsmitteln brauche ein Staatsagent nur ein paar Mausklicks, um alles über uns in Erfahrung zu bringen, auch was in unseren Köpfen vorgehe. „Suchmaschinen kennen lange vor allen anderen unsere Gedanken und Phantasien. Um es krass auszudrücken, weiß Google nicht nur, ob du schwul bist, bevor du es deiner Mutter offenbarst; es weiß, vor dir, dass du schwul bist. Und GCHQ jetzt auch.“

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