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Snowden-Vertrauter Glenn Greenwald : Es geht nur um die Macht

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Mittlerweile streitet die NSA die Enthüllungen gar nicht mehr ab, im Gegenteil: Sie stellt ihre Aktivitäten unbeirrt als notwendige Maßnahmen gegen den Terrorismus dar. Dieses Spiel mit der Angst: Funktioniert das noch?

Das ganze System wurde auch deshalb geheim gehalten, weil die NSA wusste, dass die Leute Alarm schlagen würden, wenn sie die Wahrheit wüssten: dass sich das Überwachungssystem nicht gegen Terroristen richtet, sondern gegen sie selbst. Wir haben alle in der Schule „1984“ gelesen und von den Gefahren der Stasi gehört. Dass unkontrollierte staatliche Überwachung eine Gefahr ist, ist in der amerikanischen Psyche eingraviert. Dass es bestimmte Dinge gibt, die die Regierung dem Einzelnen nicht antut, war immer entscheidend dafür, was es bedeutet, Amerikaner zu sein, auch nach dem 11. September. Andere, böse Regierungen tun so was, aber nicht die Regierung der Vereinigten Staaten. Dieses Vertrauen ist gründlich erschüttert.

Was halten Sie denn für das Motiv dieser umfassenden Überwachung – es geht ja offensichtlich nicht nur darum, die Bürger vor Terrorismus und Kriminalität zu schützen.

Nein, es ist ja auch nicht besonders effektiv. Man kann sogar behaupten, dass es kontraproduktiv ist: Wenn man so viel Material sammelt, ist es viel schwieriger, ein terroristisches Komplott zu enttarnen. Für mich ist das Motiv sehr klar: Es ist Macht. Je mehr man über die Menschen weiß, die man regiert, desto mehr Macht hat man über sie. Man kann vorhersehen, was die anderen tun, verstehen, was sie tun, oder es sogar stoppen. Wenn Sie die Entwicklung der westlichen Gesellschaften in den letzten Jahren betrachten, sehen Sie, dass die Unzufriedenheit zunimmt. Die ökonomischen Ängste wachsen, die Ungleichheit steigt außerordentlich, sogar an Orten wie London und in Spanien kommt es zu Unruhen. Die Zentren der Macht sind sehr daran interessiert, wie sie sich gegen solche Instabilitäten schützen können. Überwachung ist vermutlich das mächtigste Instrument dafür. Wenn Sie wissen, was andere sagen, denken und tun, haben Sie eine enorme Kontrolle über sie.

Wenn das das wahre Ziel ist und nicht die Sicherheit der Bürger, heißt das aber doch, dass die NSA die Daten weitergibt: an andere Bereiche der Regierung, an Ministerien, an Behörden. Wissen Sie davon etwas?

Es ist schwierig, über Geschichten zu reden, die wir noch nicht veröffentlicht haben. Aber: Es gibt einen umfassenden Informationsaustausch. Innerhalb der amerikanischen Regierung, zum Beispiel mit der CIA und dem FBI. Aber auch mit anderen Regierungen, vor allem denen ihrer englischsprachigen Partner.

Die Enthüllungen von Edward Snowden drehen sich vor allem um staatliche Überwachungssysteme. Ist es aber nicht viel gefährlicher, wie kommerzielle Unternehmen unsere Daten sammeln, mit Effekten auf die Gesellschaft, die noch gar nicht abzusehen sind?

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