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Snowden-Vertrauter Glenn Greenwald : Es geht nur um die Macht

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Welcher Strategie folgen Sie bei der Veröffentlichung? Gibt es ein spezielles Timing, wonach richtet sich Ihre Auswahl der Themen?

Grundsätzlich nach journalistischen Gesichtspunkten: Ich versuche immer, die wichtigsten Geschichten zu erzählen. Ich versuche, nicht immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen. Alles, was es wert ist, berichtet zu werden, muss ans Licht kommen, nichts darf unterdrückt werden. Bei der Entscheidung, in welcher Reihenfolge das geschieht, muss man sich überlegen, wie man das Interesse möglichst hoch halten kann. Ich mache aber keine Spielchen mit dem Timing. Ich arbeite, so hart ich kann, daran, die Geschichten fertig zu kriegen, und wenn sie fertig sind, werden sie veröffentlicht.

Als Sie das Material von Snowden bekamen, war Ihnen da gleich klar, was für eine gigantische Aufgabe es sein würde, es zu bearbeiten?

Das erste Mal, als ich das ganze Material sah, war auf dem Flug von New York nach Hongkong. Ich habe die gesamten 16 Stunden dieses Fluges damit verbracht, Dokumente zu lesen. Da begann ich das Ausmaß der Sache zu begreifen, das Risiko, das damit verbunden war, und auch die Arbeit. Damals dachte ich, das würde mindestens ein halbes Jahr meines Lebens in Anspruch nehmen. Jetzt wird es wohl etwas länger.

Es heißt, es sind 1,7 Millionen Dateien. Wenn Sie mit der derzeitigen Geschwindigkeit weitermachen, sagen manche Kritiker, dauert es noch Jahrzehnte, bis alles veröffentlicht ist. Geht Ihnen das nicht selbst zu langsam?

Die 1,7 Millionen sind eine Zahl, die von der amerikanischen Regierung kommt. Ich nehme nicht an, dass die annähernd richtig ist. Aber es ist eine Menge, mehrere tausend Dokumente. Sicher: ich hätte auch gerne, dass das schneller geht. Aber diese Berechnungen, wie lange es dauern würde, gehen von falschen Annahmen aus: Snowden will ja überhaupt nicht, dass alles veröffentlicht wird, sonst brauchte er uns ja nicht, er hätte einfach alles online stellen können. Ich glaube an radikale Transparenz, aber selbst ich denke, dass eine Menge von dem Material nicht veröffentlicht werden sollte, weil es unschuldige Menschen gefährdet.

Die Öffentlichkeit, so scheint es, hat die Schocks der ersten Enthüllungen nun langsam überwunden. Inzwischen kann man davon ausgehen, dass die NSA jeden überwacht, und zwar mit allen Mitteln. Stellt sich bei Ihnen nicht auch ein Gewöhnungseffekt ein? Kann Sie noch etwas überraschen, was Sie in den Dokumenten lesen?

Ja, sehr. Für mich sind die größten und schockierendsten Geschichten die, die noch nicht veröffentlicht wurden.

Das klingt wie ein Trailer für Ihr neues Buch, das im Mai erscheint ...

Ja, ich weiß, viele Menschen werfen mir vor, ich mache nur Werbung, wenn ich so etwas sage, aber ich bin nur ehrlich. Und wenn Sie mich nach der Reaktion der Öffentlichkeit fragen: Damals in Hongkong hätte ich in meinen wildesten Träumen nicht daran gedacht, dass das Interesse zehn Monate später noch so hoch ist; dass die Debatten so angeregt geführt werden wie am ersten Tag; dass rund um die Welt Reformen in die Wege geleitet werden. Ich bin eher positiv davon überrascht, wie wütend die Menschen immer noch sind. Im November finden in Amerika die Kongresswahlen statt, und Kandidaten beider Parteien machen Wahlkampf damit, was für eine große Bedrohung die NSA für die Privatsphäre darstellt. Das war in der Welt nach dem 11. September bis vor einem Jahr undenkbar.

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