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Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker : Der Name von Big Brother lautet Sherlock Holmes

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Und trotzdem scheint eine Technikgläubigkeit zu dominieren. Nicht nur Geheimdienste setzen heute alles auf Rechenleistung.

Wenn Organisationen auf normative Vorgaben angewiesen zu sein glauben, die sie nur aus anderen Organisationen beziehen können, werden sich andere Organisationen finden, die diese Vorgaben zu liefern bereit sind. Es kann dann die Gefahr zu großer Abhängigkeiten, der Korruption, entstehen. Wir sind gewohnt, dass Organisationen durch Zahlungsangebote korrumpiert werden. Sie können aber ebenso durch politische Versprechen, religiöse Bindungen, pädagogische Absichten oder wissenschaftliche Wahrheiten korrumpiert werden, wenn all diese sich als Restriktionen herausstellen, die die Resonanz gegenüber relevanten Umwelten zugunsten der Bindung an bestimmte Partner reduzieren. Ob wir uns heute durch die Versprechen des Computers und seiner Netzwerke korrumpieren lassen, ist eine gute Frage. Kein postheroischer Manager oder Politiker wird die Rückfrage unterlassen, durch welche Leistungen diese Versprechen gedeckt sind. Erst wenn diese Rückfrage unterbunden wird, wird es wirklich gefährlich.

Um dieser Korruption durch die Computer zu widerstehen – die deutsche Regierung zeigt keinen Funken Interesse für dieses Problem –, könnte auf die Ideologie der Informationsgesellschaft die Idee einer Intelligenzgesellschaft folgen. Markus Gabriel beschreibt das Problem in „Warum es die Welt nicht gibt“ gerade umgekehrt, er sagt, es gibt kein einheitliches Weltbild, weil es keines geben kann. Ließe sich aber doch die Deutungshoheit über unser Weltbild heute von den Computern zurückerobern – beispielsweise, indem wir uns bemühen, die Computer und ihre Limitierungen besser zu verstehen?

Wir leben längst in einer Intelligenzgesellschaft, wenn „Intelligenz“ heißt, dass uns bisher noch zu jedem Überschwang auch eine ebenso über ihr Ziel hinausschießende Kritik eingefallen ist. Darin hat Markus Gabriel ja recht: Es gibt die eine Welt nicht, die es erlauben würde, alle Fragen aus nur einem Gesichtspunkt heraus zu beurteilen, sondern es gibt nur die vielen Welten, in denen sich die jeweiligen Akteure mit ihren gottlob beschränkten Blickwinkeln bewegen. Andernfalls wären sie nicht handlungsfähig. Eine Intelligenzgesellschaft, übrigens ein schreckliches Wort, wäre eine Gesellschaft, in der möglichst viele Akteure, nicht nur Philosophen, gelernt haben, diesen Umstand einer Mehrheit von Welten in Rechnung zu stellen. Wir wüssten dann, dass wir in einer Welt leben, die als solche, im Singular, nicht zu fassen ist. Sie bietet für letzte Fragen keine Entscheidungsinstanz. Und wir wüssten, dass auch die Computer keine Deutungshoheit besitzen. Welcher Computer hätte je etwas gedeutet? Es gibt Leute, die ihre Deutungsansprüche aus ihrer mehr oder minder begrenzten Fähigkeit, mit Computern umzugehen, beziehen. Aber das sollte uns nicht erschrecken.

Brauchen wir neue politische Visionen? Und von wem?

Wir sind schon mit Priestern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und Pädagogen fertig geworden. Sogar Manager haben wir inzwischen auf ihr rechtes Maß reduziert, von Soziologen ganz zu schweigen. Die eine oder andere mediale Aufregung hilft bei diesem Geschäft der Steigerung und Reduktion von Deutungsansprüchen ja durchaus. Wenn es uns gelingt, an Schulen und Universitäten nicht nur Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften, sondern auch Ökonomie, Politik und Informatik auf einem anspruchsvoll neugierigen Niveau zu unterrichten, mache ich mir auch um den politischen Nachwuchs keine Sorgen. Denn dann wird man erkennen, dass die faszinierenden Handlungsfelder direkt vor der Haustür liegen. Neue politische Visionen brauchen wir nicht. Gute Schulen tun es auch.

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