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Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker : Der Name von Big Brother lautet Sherlock Holmes

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Ich würde auch hier die Kirche im Dorf lassen. Die Geheimdienste und andere Unternehmen haben einen Weg gefunden, netzwerkanalytische Kenntnisse für die Errechnung wahrscheinlichen Verhaltens zu nutzen. Das ist ein Profiling unter Ausnutzung elektronischer Daten, das im Prinzip von jenen Induktionen, Deduktionen und fallweisen Abduktionen, die bereits Sherlock Holmes beherrschte, von machiavellistisch beratenen Fürsten ganz zu schweigen, nicht abweicht. Einen Paradigmenwechsel kann ich nicht erkennen, wohl aber eine in der Tat neue Größenordnung in der flächendeckenden Erfassung auch minimaler Verhaltensschritte, die wir verschlüsselt oder nicht großzügig als Spur im Netz verewigen. Wenn man die Fähigkeit der Geheimdienstprogramme zur elektronischen Spurenlese im Netz – und um etwas anderes handelt es sich nicht – mit der Fähigkeit verknüpft, zunehmend auch Gesichtszüge, Verhaltensgewohnheiten, Blickrichtungen und so weiter elektronisch zu lesen und etwa für die Unterstützung des Wachpersonals an Flughafen automatisch einzusetzen, bekommt man aber eine Vorstellung von den neuen Möglichkeiten der Überwachung.

Es geht nur nicht mehr, wie bei Sherlock Holmes, allein um Aufklärung.

Sherlock Holmes erlebt nicht nur im Fernsehen eine Renaissance, auch die Geheimdienste nehmen sich seine Sorgfalt zum Vorbild.

Das besorgniserregende Phänomen besteht nicht darin, dass die Probleme der Unsicherheit und des Zeitaufwands plötzlich gelöst scheinen. Sie existieren nach wie vor. Aber die Netzwerkanalyse hat Verfahren der Filterung und Codierung entwickelt, die anhand einer minimalen Menge von Parametern eine maximale Menge von Information mit einer offenbar hinreichenden Wahrscheinlichkeit sicherer Informationen – und wer kennt und nennt die Menge an Irrtümern und falschem Alarm? – durchsuchen können. Der dumme Computer ist nach wie vor in der Lage, mangelnde Intelligenz durch enorme Schnelligkeit der Auswertung seiner Suchergebnisse zu kompensieren. All das hat mit Allwissenheit nichts zu tun, sondern nur mit einer geschickten Ausnutzung statistischer, soziometrischer und psychometrischer Verfahren, die jeweils ihre eigenen Beschränkungen und Irrtumsanfälligkeiten haben. Der Hochfrequenzhandel an der Börse ist ein anderes Phänomen. Hier geht es um die Erkennung und Ausnutzung minimaler Transaktionschancen durch maximale Geschwindigkeit. Eine extreme Treffsicherheit im kleinsten Detail koppelt sich hier mit einer ebenso extremen Ignoranz der größeren Zusammenhänge.

Sie sagten einmal, dass der Hochgeschwindigkeitshandel an den Börsen dann zu ausbalancierten Märkten führt, wenn der Handel komplett Computern mit Nullintelligenz überlassen würde – also Maschinen ohne Gedächtnis und ohne eigene Erwartungen. In der Idee hinter den Geheimdienstprogrammen steckt, ob der neuen Diagnoseversprechen und -verfahren, etwas Ähnliches. Diese Wenn-dann-programmierten Überwachungscomputer arbeiten ebenso ziellos und kleinschrittig mit eben gleicher Ignoranz für größere Zusammenhänge. Ihre Rechenergebnisse allerdings erhalten enorme normative Kraft, bis hin zur Verwendbarkeit vor Gericht. Wie verhält sich das Paradigma des spurenlesenden Computers zu der von Ihnen mitentwickelten Figur des postheroischen Managers? Oder: Was kann der postheroische Manager, der ebenso ein postheroischer Politiker sein kann, dem Computer heute entgegenhalten?

Wenn die Pointe des postheroischen Managements darin besteht, ein Unternehmen hierarchisch so zu steuern, dass es sich mit maximaler Resonanz mit den Gelegenheiten in seiner eigenen Nische gewinnbringend beschäftigen kann, dann haben wir es heute nach wie vor mit den Einsichten dieser Managementlehre zu tun. Es geht um eine Reduktion von Komplexität, die, wie dies Niklas Luhmann bereits beschrieben hat, wiederum hinreichend viel Komplexität aufbaut, um die nächsten Möglichkeiten der Reduktionen zu finden. Das ist eine nichttriviale Aufgabe, die sich nur postheroisch lösen lässt.

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