https://www.faz.net/-gsf-84u03

Gesichtserkennungstechnologie : Die Überwachungskamera weiß jetzt, wer du bist

Keine Drohnen im Schlafzimmer

Peter Schaar, bis vor zwei Jahren Bundesbeauftragter für den Datenschutz, sieht Deutschland und Europa – anders als die Vereinigten Staaten – im Fall der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum rechtlich relativ gut aufgestellt. In Amerika gebe es keine gesetzlichen Vorgaben. Die amerikanischen Gerichte setzten voraus, die Bürger wüssten, dass sie überwacht werden. In der angestrebten Selbstregulierung sieht Schaar den Versuch zu ersetzen, was in Europa durch die EU-Richtlinie und in Deutschland durch das Bundesdatenschutzgesetz geregelt sei: „Wenn der Inhaber eines Einzelhandelsgeschäfts Gesichtserkennung einsetzt, um die Kunden zu identifizieren, ist das ohne ausdrückliche Einwilligung des Betroffenen unzulässig“, sagt Schaar. „Und wenn jemand mit seiner Drohne ins Schlafzimmer des Nachbarn hineinfilmt, ist das eindeutig strafbar.“ Das zentrale Problem sieht er nicht auf der rechtlichen Ebene: „Die Vorteile der Gesichtserkennung dort, wo es angebracht ist, zu nutzen, ohne den Überwachungsdruck zu erhöhen: Das ist die Herausforderung. Und das ist mitnichten erfüllt durch ein paar Paragraphen, die wir hier haben.“

Stephan G. Humer hingegen hält die Gefahr, dass amerikanische Modelle auch in Europa angewendet werden, für groß: „Ich habe mich immer gefragt, was nach der NSA-Geschichte noch geschehen muss, bis wir in Deutschland aufwachen und begreifen, dass wir die Digitalisierung inhaltlich gestalten müssen.“ Mit dem ersten Produkt großer Firmen würden Fakten geschaffen, denen kaum beizukommen sei, wenn nichts Eigenes dagegengesetzt werde.

Technische Revolution im Bereich der Videoüberwachung

Die Verhandlungen in Washington sind an der Haltung der Unternehmen gescheitert. Es sei schlicht nicht praktikabel, die biometrische Erfassung von der Einwilligung der Betroffenen abhängig zu machen, meinen sie. „Die Unternehmen befürchten offenbar“, sagt Peter Schaar, „dass nur wenige einwilligen werden, wenn die Gesichtserkennung den Betroffenen keine oder nur geringe Vorteile bringt, sondern sie nur noch überwachter macht.“ Ein solches Einverständnis müsse freiwillig und bewusst erfolgen. In Europa werde zudem daran gearbeitet, solche Einwilligungen nur gelten zu lassen, wenn kein starkes Machtungleichgewicht besteht zwischen demjenigen, der sie fordert, und demjenigen, der sie erteilt. „Man kann diese Einwilligungen auch mit elektronischen Signalen erteilen, man kann eine Art Privacy Protector mit sich führen oder eine App mit Privacy-Präferenzen auf dem Smartphone, bei der man einstellen kann, wer die Einwilligung bekommt und wer nicht, und die dann entsprechende Signale aussendet.“

Er sei davon überzeugt, sagt Peter Schaar, „dass den allermeisten Menschen überhaupt nicht klar ist, dass im Hintergrund eine technische Revolution im Bereich der Videoüberwachung stattfindet, hin zu einer Technik, die gezielt Objekte und Personen identifizieren und verfolgen kann. Das ist eine ganz neue Qualität, und man sieht es der Kamera nicht an, ob es sich um eine ,dumme‘ Videokamera oder um ein smartes Überwachungssystem handelt.“ „Die Software ist da, es fehlt nur noch die Massenverbreitung, die Algorithmen sind einsatzbereit, und verschiedene Nutzergruppen wollen und werden das einsetzen“, sagt Stephan G. Humer. „Die Bürger dürfen nicht denselben Fehler machen wie in der Vergangenheit bei vielen Services im Internet: Man muss sich jetzt damit auseinandersetzen. Es wird kommen.“

In der vergangenen Woche hat Facebook eine App vorgestellt, die selbständig die Fotos eines Smartphones nach Ereignissen sortieren und die abgebildeten Personen benennen können soll. Jetzt meldet die Forschungsabteilung für künstliche Intelligenz des Unternehmens, ein neuer Algorithmus könne mit einer Treffsicherheit von 83 Prozent Menschen auf Fotos sogar dann erkennen, wenn ihr Gesicht verdeckt sei – an ihrer Körperform, Haltung, Kleidung und Frisur.

Unterdessen soll in Washington weiter verhandelt werden, welche Grenzen für den Einsatz solcher biometrischen Programme gelten sollen. Dann eben ohne Beteiligung der Bürgerrechtler.

Weitere Themen

Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.