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Geheimdienstchef spricht vor Hackern : Die NSA versucht einen Befreiungsschlag

  • -Aktualisiert am

Diesmal wieder in Uniform: NSA-Direktor Keith Alexander vor der „Blackhat“-Konferenz in Las Vegas Bild: REUTERS

„Helfen Sie der NSA!“ Keith Alexander, Direktor des Geheimdiensts, ist auf der Hacker-Konferenz „Blackhat“ in Las Vegas aufgetreten. Die Argumente und Beschwichtigungen zu den Überwachungsenthüllungen müssen gerade deutschen Beobachtern bekannt vorkommen.

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          Auf der diesjährigen amerikanischen Konferenz „Blackhat“ hat der NSA-Direktor General Keith Alexander an diesem Mittwoch die Keynote-Ansprache gehalten. Blackhat ist der kommerzielle Arm der größten Hacker-Konferenz der Welt „Def Con“, die im Anschluss an die „Blackhat“ in Las Vegas stattfindet. Mit Ticketpreisen um die zweitausend Dollar und dem Anspruch, neben dem sonst auf Branchen-Konferenzen üblichen Marketing auch technisch anspruchsvolle Vorträge zu bringen, richtet sich die „Blackhat“ vor allem an Industrie und Regierungen. Umso erstaunlicher, dass der Gründer von „Def Con“ und „Blackhat“, Jeff Moss, kürzlich öffentlich ankündigte, angesichts der Snowden-Leaks sei das Verhältnis zwischen Hackern und Geheimdiensten und Polizei angeschlagen und er bitte darum, dass die „Feds“ dieses Jahr zuhause blieben und nicht zur „Def Con“ kämen.

          Die Rechte an der „Blackhat“ hat Jeff Moss vor Jahren an eine professionelle Event-Firma verkauft, dort hatte er offensichtlich nicht genug Einfluss für ähnliche Schritte. Aber auch inhaltlich und finanziell ist die „Blackhat“ derart von der Regierung abhängig, dass es sogar eine eigene „Blackhat“ in Washington nur für Behörden gibt.

          Der Anschein inhaltlicher Distanzierung

          Die Zusage des NSA-Chefs, die Keynote zu halten, kam dem Vernehmen nach schon vor den Snowden-Leaks. Einige amerikanische Kollegen meinten daher, ein Zurückziehen der Keynote wäre wohl zu peinlich gewesen und daher setze man auf eine Skelett-PR-Keynote, bei der man keine potentiell unangenehmen Fragen zulässt. Der Versuch, das vorher zu klären, führte zu widersprüchlichen Aussagen der PR-Abteilung der NSA („Fragen können gestellt werden“) und der „Blackhat“-Organisation („keine Fragen“). Tatsächlich gab es dann eine eher peinliche Feigenblatt-Aktion mit fünf Minuten für Fragen, aber nicht aus dem Publikum, sondern vorausgewählt aus einem Set von zehn allesamt nicht all zu invasiven Fragen. Das ist für eine solche Konferenzen unüblich.

          In Amerika ist im Gegensatz zu Europa die Verflechtung zwischen Regierung und Hackern viel ausgeprägter. In den IT-Security-Abteilungen großer Firmen liegt der Anteil von Mitarbeitern mit Security Clearance üblicherweise bei vierzig Prozent und aufwärts. Das liegt daran, dass in den Vereinigten Staaten das Studium sehr teuer ist und Studenten nach ihrem Abschluss mit 100.000 Dollar Schulden dastehen oder noch mehr. Das Militär, das FBI, die NSA und ähnliche Organisationen bieten Stipendien an, wenn man sich dafür ein paar Jahre bei ihnen verpflichtet. Das nehmen viele Hacker gerne in Anspruch, weil Cyberwar an Wichtigkeit gewonnen hat und man nicht durch das Panzergrenadier-Bootcamp muss, sondern direkt am Computer arbeiten kann.

          Damit es aber zumindest den Anschein der inhaltlichen Distanzierung gab, musste besagter Jeff Moss die Einleitung zur Keynote sprechen und General Alexander ankündigen. Doch selbst Jeff Moss hat seit ein paar Jahren einen Posten als Berater der amerikanischen Heimatschutzbehörde.

          Die Beamten würden das nie tun

          Die NSA nutzte die Keynote dann als Versuch eines Befreiungsschlags. In seiner Paradeuniform trat der General vor den mit mehreren tausend Menschen gefüllten Saal (bei einem früheren Auftritt bei der „Def Con“ war er in einem T-Shirt der Bürgerrechtsorganisation EFF erschienen) und hielt eine Rede, die an den Auftritt von Colin Powell vor den Vereinten Nationen erinnerte. Wie Powell sprach Alexander davon, dass man die Fakten auf den Tisch legen wolle, und hatte eindrucksvolle Folien vorzuweisen. Eine der Folien zeigte, wie die Anzahl der im Krieg getöteten Soldaten stark zurückgegangen sei, seit die NSA ihre Mitarbeiter mit nach Afghanistan schickt. Der General betonte mehrfach, es sei ein „truly noble effort“, den Soldaten im Kriegseinsatz die Informationen zu geben, die sie bräuchten. Zirka sechstausend NSA-Mitarbeiter hätten sich bereiterklärt, in die Kriegsgebiete in Afghanistan und dem Irak zu gehen. Zwanzig von ihnen verloren dort ihr Leben. Das Wort „Held“ fiel nicht. Es musste auch nicht mehr fallen.

          Die anderen Ausreden waren größtenteils bekannt. Da fiel zum Beispiel das Argument, die NSA könne zwar auf alles Mögliche zugreifen, aber die Beamten seien vertrauenswürdig und würden das nie tun, man sei an Recht und Gesetz gebunden, und im Übrigen gebe es ausreichend Protokollierung, um so etwas zu erkennen und denjenigen zu sanktionieren. Alle Mitarbeiter, die auch nur in die Nähe dieser Daten kämen, sagte Alexander, müssten umfangreiche Schulungen absolvieren, mit Prüfungen am Ende.

          Anwesende natürlich ausgeschlossen

          Alexander betonte auch, dass es technische Hürden gebe, um „wilde“ Anfragen zu verhindern. So könne man die Inhalte von Kommunikation nur einsehen, wenn der Betreffende auf einer speziellen Liste stehe, und nur ein paar Dutzend NSA-Mitarbeiter hätten die Befugnis, jemanden auf diese Liste zu setzen. Weniger als fünfzig Mitarbeiter hätten die Befugnis, auf diese Daten zuzugreifen. Und wenn man einen Zugriff durchführen wolle, müsse man ausführlich begründen, wieso dies ein für die Landesverteidigung notwendiger Zugriff sei.

          Leider scheinen diese Hürden nur für die tatsächlich befugten Mitarbeiter zu gelten, IT-Administratoren wie Edward Snowden konnten laut eigener Aussage einfach so zugreifen. Schlimmer noch, fast zeitgleich zu dem Vortrag hat der „Guardian“ die neueste Snowden-Enthüllung publiziert, die das XKeyscore-Programm beschreibt. Dort stellt sich die Sachlage genau gegenteilig dar, nämlich dass Sachbearbeiter lediglich eine unkonkrete Begründung in ein Online-Formular eintragen müssen, und dann Zugriff auf alle Daten haben.

          Im weiteren Vortrag kamen die bekannten Behauptungen zu den Dutzenden von verhinderten Terrorangriffen. Einen griff Alexander heraus, weil der wie ein besonders klarer „Slam Dunk“ aussah (in der Terminologie von Colin Powell vor der UN). Es ging um einen Anschlag auf die New Yorker U-Bahn. Sowohl „Prism“ (der Zugriff auf Gesprächsinhalte) als auch die strategische Überwachung aller Ausländer hätten dabei eine wichtige Rolle gespielt. Dieser Angriff wäre, hätte er nicht verhindert werden können, der schlimmste Anschlag auf amerikanischem Boden seit 9/11 gewesen, so Alexander. Das war auch das einzige Argument, wieso diese Programme gebraucht werden. Terroristen seien überall, sie lebten unter uns. Die Programme richteten nicht gegen „Sie hier im Publikum“, weil „Sie ja gute Menschen“ seien, sondern gegen Terroristen, und die müsse man aufspüren.

          Helfen Sie der NSA!

          Als die NSA sich dann auch noch als Akteur im Dienste der Freiheit darzustellen suchte, und das Argument kam, dass es, wenn uns die Terroristen wegbomben, ja auch vorbei sei mit unseren Bürgerrechten, war für einen IT-Security-Consultant namens Jon McCoy ( der „Forbes“-Blogger Andy Greenberg hat den Mann ausfindig gemacht) das Fass voll und er brüllte Dinge wie „Blödsinn! Sie haben doch schon den Kongress angelogen, wieso sollen wir Ihnen glauben, dass Sie uns nicht auch jetzt anlügen?“

          Der Vortrag endete mit der Aufforderung an das Publikum, der NSA bei ihrer Aufgabe zu helfen. Auch wenn man mit der NSA nicht einverstanden sei, ja sogar insbesondere dann sei es wichtig, dass man helfe, es besser zu machen. Im Gegensatz zu früheren Jahren gab es auch keine offenen Rekrutierungsversuche der NSA. Als solcher aber war wohl diese Keynote gemeint.

          Erinnerungen an den Staatstrojaner

          So ließ der Auftritt des NSA-Direktors das Publikum am Ende gespalten zurück. Für seine Aussage, dass sie bei ihren internen Überprüfungen keinen einzigen Fall gefunden haben, bei dem jemand auf Daten zugegriffen hat, auf die er nicht hätte zugreifen sollen, gab es sogar Applaus von etwa der Hälfte der Zuhörer. Die Stimmung auf den Gängen war aber weit weniger vorteilhaft für die Abhörprogramme der NSA.

          General Alexander beruhigt: Die Programme der NSA richten sich natürlich nicht gegen die Konferenzteilnehmer

          Es gibt noch einen Grund, wieso die Argumente von General Alexander deutschen Beobachtern bekannt vorkommen müssen. Das Argument, dass die Beamten vertrauenswürdig seien und Zugriffsmöglichkeiten nicht missbrauchten, kam genau so in Deutschland in der Causa Staatstrojaner auf. Gleiches gilt für den Verweis auf den Richtervorbehalt, und auf die parlamentarische Geheimdienstkontrolle. Ein Zyniker könnte fast auf die Idee kommen, die NSA habe die E-Mail unseres Innenministers gelesen und dessen Argumente kopiert.

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