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Fritz Stern zum Abhörskandal : Ein törichter, krimineller Akt

Fritz Stern, 1926 in Breslau geboren, bei der Preisverleihung der Stadt, in der er ein bedeutender Historiker wurde Bild: Isabelle Duverger

Der große Historiker Fritz Stern hat in New York einen Preis für Pioniere des transatlantischen Ideenverkehrs entgegengenommen. Und dabei den Abhörskandal eine politische Katastrophe genannt.

          Fritz Stern sieht die deutsch-amerikanischen Beziehungen in ihrer schwersten Krise seit 1945. Nach Einschätzung des berühmten Historikers von der Columbia-Universität stellt die Tatsache, dass Geheimdienste der Vereinigten Staaten das Telefon der Bundeskanzlerin abgehört haben, das Verhältnis der Verbündeten auf eine ernstere Belastungsprobe als Vietnamkrieg und Nachrüstung. In der ihm eigenen wohlbedachten Deutlichkeit äußerte sich Stern im Deutschen Haus der New York University, wo er als erster Träger des Volkmar-und-Margret-Sander-Preises geehrt wurde. Margret Sander, Witwe von Volkmar Sander, dem Gründungsdirektor des deutschen Kulturinstituts unter dem Dach der großen Privatuniversität am Washington Square, hat den Preis gestiftet, mit dem Pioniere des transatlantischen Ideenverkehrs ausgezeichnet werden sollen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Es wäre töricht, sagte Fritz Stern am Schluss seiner Dankesworte, wegen des festlichen Anlasses nicht auszusprechen, dass man „in einem sehr melancholischen Augenblick“ zusammengekommen sei. Den Lauschangriff auf das Telefon von Angela Merkel nannte Stern einen „ungesetzlichen, törichten, kriminellen Akt“. Verloren, hier fiel Stern sich selbst ins Wort: gefährdet sei durch diesen verbrecherischen Leichtsinn höchster Stellen ein Vertrauen, das in Jahrzehnten aufgebaut worden sei.

          Ein Rest des Unerklärlichen bleibt

          Als lange Serie vertrauensbildender Maßnahmen aus dem Geist der Neugier, Fairness und Großzügigkeit deutete Peter Wittig, der deutsche Botschafter bei den Vereinten Nationen, in seiner von allen diplomatischen Floskeln entlasteten Laudatio das Lebenswerk Fritz Sterns. Ohne eine Miene zu verziehen, berichtete der Botschafter, die Bundeskanzlerin habe ihn telefonisch instruiert, ihre Glückwünsche auszurichten. Wittig zitierte Stern, der 1926 in Breslau geboren wurde und seit 1938 in New York lebt, mit dem Bekenntnis, dass er Loyalität gegenüber zwei Sprachen empfinde, und bot die prägnanten Stellen seiner Charakteristik des Preisträgers in beiden Sprachen dar. Als „Weggefährte“ der deutschen Demokratie sah sich Stern gewürdigt, „ein guter Geist der Bundesrepublik Deutschland“. Er habe nicht wie ältere Historiker von zwiespältiger Nachwirkung ein Praeceptor Germaniae und platonischer Gesetzgeber aus dem Hintergrund sein wollen, sondern seine Ratschläge im aristotelischen Geist der Freundschaft offeriert.

          Freundschaftslinien verbinden den Patensohn von Fritz Haber mit den Gegenständen seiner Studien zum deutsch-jüdischen Bildungsbürgertum der zweiten Geniezeit ein Jahrhundert nach Goethe. Dieses Freundschaftsnetzwerk, so konnte man die Laudatio verstehen, dehnte Stern, dessen Familie sich vor 75 Jahren gerade noch nach Amerika hatte retten können, einen Monat vor der „Reichskristallnacht“, auf alle Deutschen aus, die aus der Geschichte zu lernen gewillt waren. Wittig schloss mit einer persönlichen Bemerkung: Nach aller wissenschaftlichen Aufklärung bleibe ein Rest des Unerklärlichen am Aufstieg des Nationalsozialismus. Dieses Rätsel habe ihn in den siebziger Jahren zum Studium der Geschichte geführt, und Fritz Stern sei einer seiner Leitsterne gewesen.

          Ein verschwundener Ton

          Nebenbei hatte Wittig erwähnt, dass an den großen Porträtkünstler unter den Historikern der Gegenwart der Gedanke herangetragen worden war, er solle die offizielle Biographie Helmut Schmidts schreiben, die später der Bundestagsabgeordnete und Heidelberger Geschichtsprofessor Hartmut Soell vorlegte. Man muss bedauern, dass Sterns Pendant zu Bernhard Heisigs Schmidt-Porträt nicht ausgeführt worden ist; nicht nur die Personalunion des Finanz- und des Verteidigungspolitikers verweist zurück auf die Problemkreise von Sterns Opus magnum „Gold und Eisen“, der Doppelbiographie des Kanzlers Bismarck und des Bankiers Bleichröder, sondern auch das Vokabular einer Staatskunst im langen Schatten des Weltkriegs, von der Realpolitik bis zur Sachlichkeit. Kommt nicht auch der Kantianismus des 1918 geborenen Schmidt aus dem Kaiserreich?

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