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Überwachung : Das Armband der Neelie Kroes

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Da wir aber über Steuerungstechniken reden, die soziales und ökonomisches Handeln organisieren und sogar ersetzen, ist eine Debatte, die sich auf eine „digitale Agenda“ beschränkt, ungefähr so, als würde man die Demokratie anhand des Wahlprogramms der Parteien erklären wollen.

Ziel und Gegner der Überwachung sind wir

Die in der F.A.Z. veröffentlichte Intervention von Hans Magnus Enzensberger, Zeit- und Gedanken-Genosse von Habermas, ist eine Reaktion auf Martin Schulz’ politische Forderungen. Enzensberger empfiehlt in gewisser Verzweiflung eine Demonstration persönlicher Freiheit, die leider wenigen, vielleicht kaum jemandem möglich ist. Wer traut sich schon, sein Smartphone stillzulegen? Die Erfolgskriterien der Maschine – effizient, sauber, schnell, ökonomisch günstig soll sie sein – sind nicht nur für die nachwachsende Generation zu den Erfolgskriterien ihres ganzen Lebens geworden.

Überwachung des gesamten Lebens und aller Märkte ist – beginnend mit Habermas’ Prognose des Jahres 1968 – normativ für unsere Gesellschaft geworden, ob wir das Smartphone wegwerfen oder nicht. Es ist eine Überwachungslogik, die – und darauf wies der eminente Wissenschaftstheoretiker Peter Galison schon vor Jahren hin – nicht nur Überwachung und Kontrolle ausübt, durch eine neue Mathematik von Information und Kommunikation. Und sie benötigt, das ist ihr Erbe aus den militärischen Anfängen, stets einen Opponenten, einen Gegner: Das kann der Konkurrent auf Märkten sein, aber auch der verdächtige Bürger oder der rasante Autofahrer.

Maschinen kann man nicht vertrauen

Die Umformung einer Gesellschaft kann man nicht den Ingenieuren überlassen, nicht den Industriegiganten und schon gar nicht den Geheimdiensten, die angeblich Risiken in selbstregulierten Systemen ausschließen wollen. Wohin das führt, hat man gesehen. Jenseits des Opportunismus von Teilen der Politik – noch unlängst twitterte Peter Altmaier, die amerikanische Aktiengesellschaft Twitter sei die „schärfste Waffe für die Demokratie“ –, die sich für Wahlen ein paar junge Wähler holen wollen, beginnt sich zum Glück ein neuer Diskurs zu entwickeln, der von Vorwürfen der Moderne- und Technikfeindlichkeit nicht mehr zu berühren ist.

Darum kann man schon heute eine Prognose wagen: Künftig werden nur noch solche Systeme das Vertrauen der Bürger und der Konsumenten genießen, an deren entscheidender Stelle ein identifizierbarer und verantwortlicher Mensch sitzt. Doch das wird nicht von allein kommen. Der Trend geht klar in die organisierte und entmündigende Verantwortungslosigkeit, die jeder erfährt, der sich mit einem Anliegen an Amazon oder Facebook wenden möchte.

Neue Serie in der F.A.Z.

Aus diesem Grund beginnen wir ab nächster Woche eine Serie, in der sich Geisteswissenschaftler mit jener Revolution befassen, in der wir stehen. Kann Reflexion überhaupt noch mit der übermächtigen Plausibilität und Effizienz der Apparate konkurrieren? Hat Politik überhaupt ein Interesse daran, dass die Steuerungsmechanismen demokratisiert werden? Gehen wir, wonach Peter Galison fragen wird, in eine Epoche intuitiver Selbstzensur? Und was sind Gedanken noch wert, wie Philip Mirowski fragt, wenn sie selbst schon nach Effizienzkriterien digital verteilt werden?

Jürgen Habermas befürchtete die Ablösung des autoritäten Staates durch die „manipulativen Zwänge eines technisch-operativen Staates“. Er konnte nicht ahnen, dass es zwischen ihm und den Maschinen, die wir minütlich benutzen, zu dramatischen Verschmelzungen kommt. Unsere Serie ist deshalb selbst ein kleines Experiment: mal sehen, ob Denken uns weiterbringt.

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