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Überwachung : Das Armband der Neelie Kroes

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Die neuen Überwachungs- und Informationsmärkte sind nicht spontan entstanden. Sie wurden bewusst geschaffen. Das Abgreifen von Daten in Echtzeit und ihre Umwandlung in Kontroll- und Planungssysteme ist kein Fall-out-Produkt von Technologien, die für ganz anderes gedacht waren, sondern ihre Aufgabe. Womit wir heute zu tun haben, ist das Ergebnis von „Big Science“, einem ursprünglich militärisch inspirierten Format, das Verluste und Gewinne berechnet, strategische Vorhersagen trifft und Befehlsketten stabilisiert.

Ein Heer von digitalen Habenichtsen

Schon vor einem Menschenalter hat Jürgen Habermas prognostiziert, was geschieht, wenn diese Systeme zivilgesellschaftlich organisiert und von wenigen Zentraleinheiten gesteuert werden. Soziales Verhalten, so Habermas in „Theorie und Praxis“, würde „sich eigentümlich aufspalten: nämlich in das zweckrationale Handeln der Wenigen, die die geregelten Systeme einrichten und technische Störungen beheben, einerseits; in das adaptive Verhalten der Vielen, die in den Routinen der geregelten Systeme eingeplant sind, andererseits“.

Diese wenigen Sätze beschreiben exakt den Stand der Dinge 2014 und kennzeichnen, wie man die Snowden-Affäre und die Datensammelwut der Giganten lesen muss: als neue, nur politisch zu lösende Differenz zwischen den Vermögenden und Habenichtsen der digitalen Moderne.

Habermas' Vorahnung

Um zu verstehen, wie weit und tief die digitale Agenda reicht, genügt ein Blick zurück in den konstitutiven Augenblick der Meta-Politisierung der westlichen Industriegesellschaften.

Das Jahr 1968 ist sprichwörtlich dafür geworden. Aber heute sollten wir unterscheiden zwischen dem, was in den damaligen gesellschaftlichen Debatten eine Debatte zwischen kommunistischer und kapitalistischer Gesellschaftsordnung gewesen ist. Damit haben sich Generationen von Exegeten befasst. Interessanter ist, was damals, als Antwort auf planwirtschaftliche Modelle des Kommunismus, als exklusiver Gesellschaftsentwurf des Westens vorausgedacht wurde.

Auch das erfährt man bei Habermas. Im Sommer 1968, inmitten der Studentenproteste, veröffentlicht er eine Festschrift für den Guru der Revolte, den Philosophen Herbert Marcuse. Der Text mit dem Titel „Technik und Wissenschaft als ,Ideologie‘“ ist eine scharfe Abgrenzung gegen die Technik-Apokalypsen der Kulturpessimisten wie Martin Heidegger oder Arnold Gehlen.

Selbstregulierte Mensch-Maschinen statt Normen

Erregend aber wird dieser ein halbes Jahrhundert alte Text durch eine Phantasie – Habermas nennt sie an anderer Stelle eine „Fiktion“ –, der sich der junge Philosoph zuwendet. Er kennt die damaligen Debatten der Kybernetiker und der frühen Computer-Ingenieure und ihre Utopie einer durch selbstregulierende Systeme geplanten und gesteuerten Gesellschaft.

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