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Facebooks Datenauswertung : Verstecken kann sich niemand mehr

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Werden auf diese Weise scheinbar anonymisierte Datensätze ausgetauscht, genügt es, wenn eine der beteiligten Firmen ebenfalls die E-Mail-Adresse oder Telefonnummer einer Person kennt, und schon wird man erkannt. Der Hash-Wert kann leicht berechnet und mit dem erhaltenen Wert abgeglichen werden. Volltreffer! Die Hash-Werte werden immer auf die gleiche Weise von E-Mail-Adresse oder Telefonnummer abgeleitet und ergeben immer das gleiche Ergebnis: ein Code, der für jede Person eindeutig ist – und über den jeder, trotz vermeintlicher Anonymisierung, eben doch jederzeit zugeordnet werden kann.

Eine kontinuierliche Kette an Hinweisen

Bisher wurden die Nutzer online vor allem mit Hilfe sogenannter Cookies verfolgt. Das sind kleine Dateien, die meist ohne Wissen des Nutzers auf dessen Computer gespeichert werden. Sie enthalten einen Code, mit dem die Nutzer beim nächsten Besuch identifiziert werden können. Das funktioniert aber nur, wenn die Nutzer immer denselben Computer und denselben Browser verwenden. Sobald sie den Computer wechseln oder wenn ein Computer von mehreren Personen genutzt wird, kommen die Cookies durcheinander. Und was ist mit Smartphones und Tablets? Da lassen die Cookies Facebook und andere Datenhändler fast ganz im Stich.

Helfen soll die Firma Atlas, die Facebook 2013 von Microsoft gekauft hat und seither für die eigenen Zwecke umbaut. Atlas ist zwar eine Tochterfirma, hat laut Facebook-Nutzungsbedingungen aber vollen Zugriff auf die Daten der rund 1,4 Milliarden Nutzer. Atlas soll nun ermöglichen, einzelne Personen in allen denkbaren Situationen eindeutig wiederzuerkennen – im Idealfall sogar dann, wenn die Nutzer andere Geräte wie ein Fitnessarmband, das Navigationsgerät im Auto oder einen „intelligenten“ Fernseher verwenden und wenn sie im Geschäft einkaufen. Und nicht nur dann, wenn sie gerade Facebook nutzen oder eine Seite besuchen, die einen Like-Button eingebaut hat, sondern auch im restlichen Netz.

Dabei wird mit verschiedenen technischen Tricks versucht, die Spur der Nutzer weiterzuverfolgen. Um sie nicht zu verlieren, wird eine kontinuierliche Kette an Hinweisen gelegt, die die Wiedererkennbarkeit auch dann sicherstellt, wenn die Nutzer auf Websites unterwegs sind, die keinen Like-Button von Facebook haben.

Mehr als die Hälfte der Zeit wird getrackt

Dreh- und Angelpunkt bei dieser Schnitzeljagd durchs Netz ist der Benutzeraccount. Jeder Facebook-Nutzer hat eine Nummer, und diese Nummer kennt auch Atlas, weil sie Facebook in das Atlas-Cookie hineinschreibt. Wenn Atlas nun auf einer von Facebook unabhängigen Website Werbung schaltet und der Nutzer diese besucht, holt sich Atlas diese Nummer aus dem Atlas-Cookie und kann ihn sofort als Facebook-Nutzer wiedererkennen. Ähnlich auf dem Smartphone: Dort gibt es zwar keine Cookies, dafür hat jedes Gerät eine Identifikationsnummer. Sobald sich jemand bei Facebook einloggt, wird die Nummer des Geräts mit dem Facebook-Account synchronisiert. Dadurch bekommt Atlas auch Aktivitäten außerhalb der eigenen Apps mit. Facebook behauptet, mit Hilfe dieser Technologie im Schnitt mehr als die Hälfte der Zeit tracken zu können, die die Nutzer heute mit ihrem Smartphone verbringen.

So wird durch die geschickte Kombination von Cookies, Identifikationsnummern von Geräten und Facebook-Accounts eine Nachverfolgung möglich, die browser-, geräte- und plattformübergreifend funktioniert. Aber wie wird der Einkauf im Geschäft mit dem Profil verknüpft? Kein Problem, solange an der Kasse eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer hinterlassen wird – wenn etwa mit einer Kunden- oder Bonuskarte bezahlt wird.

Ein weltweites Netzwerk an Datensammlern

Das Ende der Möglichkeiten ist noch lange nicht erreicht. Atlas kündigt fast wöchentlich neue Kooperationspartner an, vor kurzem wurde etwa eine Zusammenarbeit mit der Firma Merkle bekanntgegeben. Dieses Unternehmen verwaltet fast vier Milliarden Kundendatensätze. Zwei der vier großen Datenhandelsunternehmen – BlueKai und Datalogix –, mit denen Facebook zusammenarbeitet, gehören inzwischen zum IT-Konzern Oracle, einem der größten Hersteller von Datenbanken und von Software, mit denen Unternehmen ihre Kundendaten verwalten.

So entsteht ein weltweites Netzwerk an Datensammlern, dem wir fast nicht mehr entkommen können. Ob online oder offline, ob mit dem Computer oder dem Smartphone, ob Studentin oder Rentner – Facebook weiß, was wir machen, und macht dieses Wissen zu Geld. Und ob es nur bei personalisierter Werbung bleibt?

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