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„Parental Control“-Apps : Wenn Eltern ihre Kinder überwachen

Mit dem Smartphone auf dem Spielplatz. Was wissen die Eltern des Jungen von diesem Moment? Bild: Picture-Alliance

Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule kommt für viele Kinder das Smartphone. Und für ihre Eltern die Möglichkeit, sie bis ins Kleinste zu überwachen. Wohin führt der Einsatz von „Parental Control“-Apps?

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          Der Alarm geht los, wenn sie sich auf ihren Wegen durch die Stadt außerhalb der für sie freigegebenen Bereiche bewegen - wenn sie nicht rechtzeitig an den vorgesehenen Orten ankommen, wenn sie zu langsam sind oder wenn sie zu schnell sind. Was klingt wie die Funktionen elektronischer Fußfesseln, mit denen der Bewegungsfreiheit von Straftätern Grenzen gesetzt werden, sind die Optionen von „Parental Control“-Apps, mit denen besorgte Eltern mittels ihrer Smartphones die Eigenständigkeit ihrer Kinder limitieren und überwachen können. Die Download-Zahlen steigen zum Ende der Sommerferien.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn rund siebenhunderttausend Kinder im Alter von zehn, elf Jahren in Deutschland auf weiterführende Schulen wechseln, heißt das für die meisten: längere Schulwege, kürzere Betreuungszeiten, größere Selbstständigkeit, mehr Verantwortung. Und für ihre Eltern heißt es zu entscheiden, wie sie auf diesen Schritt antworten wollen: mit Bestärkung und Vertrauen, mit Begleitung und Verabredungen. Oder mit Kontrolle.

          Eine Entwicklung mit Folgen

          In keiner Lebensphase steigt die Zahl der Smartphone-Besitzer in der Bevölkerung so stark wie in diesem Alter. Im vergangenen Jahr nutzten 25 Prozent der Kinder im Alter von acht oder neun Jahren ein solches Gerät. Unter den zehn und elf Jahre alten Kindern waren es schon 57 Prozent, in der Gruppe der zwölf oder dreizehn Jahre alten Kinder schließlich 85 Prozent.

          Meistens sind es die Kinder selbst, die sich die Geräte wünschen, und meistens sind es die Eltern, die nicht nur Regeln für den Gebrauch aufstellen, sondern mit Passwörtern und Sperren zu verhindern versuchen, dass ihren Kindern über In-App-Käufe oder kostenpflichtige Anrufe das Geld aus der Tasche gezogen wird, dass sie im Internet mit Dingen in Kontakt kommen, die für sie ungeeignet sind, oder dass sie schlicht zu viel Zeit mit all den Möglichkeiten zum Zeitvertreib verbringen, die Smartphones so bieten.

          Vermeintliche Freiheiten

          Davor, dass diese Geräte als komplexe Überwachungsapparate unser Leben nicht nur einfacher und unterhaltsamer machen, sondern auch leichter kontrollierbar, warnen Bürgerrechtler seit langem. App-Entwickler haben diese Beeinträchtigung in ein Angebot umgemünzt, mit dem wir die Technologie gegen uns selbst und gegen unsere Kinder richten können. Sie tragen harmlose Namen wie „Little Nanny“ oder „Footprints“ und werben mit dem Versprechen größerer Freiräume für die Kleinen, weil Eltern diese unbesorgt aus den Augen lassen könnten. Für eine Senderuhr, deren Daten über ein eigenes Gerät empfangen werden und die nur mit einem Spezialwerkzeug wieder problemlos vom Handgelenk genommen werden kann, haben die Entwickler den neumodischen Namen „Freedom4Kids“ gefunden.

          Die Verletzung der kindlichen Privatsphäre findet ihre Fortsetzung in der Entscheidung Erwachsener, ihre Smartphones so zu verknüpfen, dass sie einander orten können; ihre Minimalbeschränkung findet sie in dem gegenseitigen Versprechen, diese Funktion nur im Notfall zu aktivieren. Programme wie „Familo“ bieten sogar an, dass die Nutzer jeweils selbst entscheiden können, ob sie ihre Standortdaten mit den anderen Familienmitgliedern teilen wollen, mit denen sie über die App verbunden sind.

          Dem Leben entzogen

          Wenn sie als Kinder ihre Konflikte nicht untereinander austragen können, ohne dass diese von Eltern oder Erziehern gleich wegmoderiert werden, dann fehlt Jugendlichen im Umgang miteinander häufig die Fähigkeit zu streiten, ohne zu kämpfen, warnen Psychologen. Was heißt es dann aber für Kinder, wenn sie Eigenschaften wie Verantwortungsbereitschaft und Selbständigkeit fortwährend gegen den Schutzschirm der Überwachung entwickeln müssen? Wenn sie keine Heimlichkeiten vor ihren Eltern haben können, wenn keine Abweichung unbemerkt bleibt, kein Fehltritt ungestört ausgebügelt werden kann und keine unvorhersehbare Situation gemeistert werden muss, ohne dass gleich Rettung naht?

          In seinem Buch „Wie man ein Kind lieben soll“ hat der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak vor fast hundert Jahren drei berühmte Grundrechte jedes Kindes formuliert. Gleich das erste schockiert in seiner drastischen Wortwahl noch heute: „Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod“. Dabei ist die Forderung gegenwärtig vielleicht so aktuell wie selten zuvor. „Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben“, schreibt Korczak im Jahr 1919, „um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben.“

          Den Tod eines Kindes - sei es durch einen Unfall, durch Leichtsinn oder ein Gewaltverbrechen - kann auch Überwachungs-Software heute nicht verhindern; aber sie kann sein Leben - seinen Erfahrungsraum, seine Freiheit, dieses einst auch als Erziehungsziel hoch gehandelte Gut - ernstlich beeinträchtigen. Und es, weil es schon von klein auf an diese so heimliche wie allgegenwärtige Form der Kontrolle gewöhnt wird, letztlich unsensibel machen für den Entzug unserer Privatsphäre, der uns durch die sich immer weiter entwickelnde Überwachungsgesellschaft droht.

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