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Google Glass : Die Überwachung bekommt ein Gesicht

Googles Sergej Brin als Datenbrillenträger Bild: AFP

Am Dienstag wurde Googles Datenbrille erstmals frei verkauft. Die Reaktion in den amerikanischen Medien ist gespalten. Noch nie musste ein technisches Produkt gegen so starke Technologieängste verteidigt werden.

          Googles Datenbrille hilft beim Kochen, wappnet für die Schnäppchenjagd und sorgt dafür, dass sein Träger nie mehr in die Irre geht. Sie soll es sogar möglich machen, Sex aus der Sicht des Partners zu erleben, ein besonders schöner Service für Autoerotiker, die im Bett die Brille auflassen.  Beliebt ist sie trotzdem nicht.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Dienstag hat der freie Verkauf des Produkts in den Vereinigten Staaten begonnen. Tags darauf  ist er  wieder vorbei. Die begrenzte Stückzahl  ging wie vorausgesagt in wenigen Stunden über die Laden- und Onlinetheken. Es gebe offenbar noch einige Leute, die Google Glass wollen, kommentierte das Onlinemagazin „Techcrunch“.  Der kleine Verkaufserfolg lässt jedoch nur begrenzt auf späteren Markterfolg schließen. Googles Tippelschritte bei der Markteinführung stärken den Verdacht in anderer Richtung.

          Optisch fragwürdig, moralisch suspekt

          In den amerikanischen Medien war der Probeverkauf zum Schicksalstag ausgerufen worden. Das Technologiemagazin „Wired“ wünschte, er möge der Sargnagel der verwünschten Brille sein. Technische Probleme mit kurzen Akkulaufzeiten oder der stotternden Videofunktion sind hier das eine. Etwas anderes ist wichtiger: Erstmals muss sich ein technisches Produkt in den Vereinigten Staaten gegen weitverbreitete Technologieängste verteidigt werden.

          Die Datenbrille ist zum Hassobjekt einer Nation geworden, die es mit Privatsphäre und Datenschutz sonst sehr locker sieht. Es sei in den letzten Monaten deutlich schwieriger geworden, die Leute für den nicht nur optisch verunzierenden, sondern inzwischen auch moralisch suspekten Gesichtscomputer zu erwärmen, schreibt die „Huffington Post“.

          Der Suchmaschinist ist von dem Stimmungswechsel selbst überrascht. Dem Onlinemagazin „Slate“ zufolge entwickelte sich die Resonanz auf die Technobrille im Laufe des Jahres von Erstaunen über Amüsiertheit bis zur physischen Aggressivität. Weiten Kreisen gilt sie inzwischen als Emblem des Privatsphärenverlusts und  als Waffe auf den Nasen voyeuristischer Nerds und selbsternannter Privatsphärenmilizen, die schnell ihren Spitznamen weghatten: Glassholes, Arschlöcher mit Brillen. In San Francisco, wo oftmals angestammte Bewohner von den reichen Mitarbeitern der großen Technologiefirmen aus ihren Häusern vertrieben werden, steht die Brille zudem im Ruf, ein Symbol der Gentrifizierung zu sein. Wer sie trage, wähle die Seiten, schreibt das Internetmagazin „Salon.com“. Was über ein lokales Problem – zumindest bisher – nicht hinausgeht.  Die Verbraucherseite „Consumer Watchdog“ spricht ihr dagegen auch die Eignung für den breiten Markt ab.

          Neue Machtverhältnisse im öffentlichen Raum

          Über die befürchtete Wirkung der Brille entdecken die Kommentarspalten die Bedeutung der Privaten als einer von Rationalitätszwängen gelösten Sphäre der Authentizität und Kreativität. Thematisiert wird das Unbehagen an der technisch induzierten Schizophrenie von Gesprächspartnern, die geistesabwesend auf den oberen rechten Brillenrand starren. Die Angeber, die auf offener Straße laut in die Luft sprechen, hielt man schon immer heimlich für verrückt. Von Leuten, die einem transparenten Rechteck am  Brillenbügel zuflüstern, er möge das Kleidungsstück im Schaufenster online bestellen, darf man es nun laut sagen.

          Doch es geht um mehr als Kuriositäten. Die Datenbrille macht Überwachung, die sonst über undurchsichtige Servernetze und  anonyme Kameras läuft, sichtbar und zurechenbar. Sie gibt dem Überwacher Gesicht und Namen und etabliert im öffentlichen Raum neue Machtverhältnisse zugunsten des Brillenträgers. Den Computer kann jeder ausschalten, die Brille im Gesicht des Gesprächspartners nur dieser selbst.

          Viele Kommentare sprechen den Brillenträgern dieses technische Privileg ab. Offen wird dabei ein Grundsatz des amerikanischen Datenrechts in Frage gestellt, das dem Staat im Umgang  mit persönlichen Daten bisher viel schärfere Grenzen setzt als Unternehmen und Privatpersonen.

          Googles neue Datenmacht

          Es hat offenbar nur begrenzt geholfen, dass Google bebrillte Models über den Laufsteg marschieren ließ, seine Brille in die Hände der Prominenz legte und dass ausgewählte Forscher von Experimenten mit ihr am Operationstisch, mit Kranken, Alten und Kindern rührende Kunde gaben. Die Ängste sind geblieben. In zwei Fällen mündeten sie in offene Aggression. Einem Journalisten wurde die Brille auf offener Straße aus dem Gesicht geschlagen. Gleiches widerfuhr einer Testträgerin in einer Bar. Sie töten die Stadt, hatte man ihr vorher zugerufen.

          Noch gar nicht angesprochen ist damit die Frage, was der Suchmaschinenmonopolist  mit den Daten macht, die über die Brille in seine Hände gelangen. Ein Kommentator auf CNN gibt die Privatsphäre für verloren. Man solle sie schnellstmöglich vergessen. Die Revolution in den tragbaren Revolution würde aber wohl erst ein Nachfolger des technisch noch nicht ausgereiften Modells bringen. Einer seiner Kollegen warnt dagegen, Google die tiefsten, dunklen Geheimnisse anzuvertrauen. Es sei Zeit innezuhalten und sich zu fragen: Welche Gesellschaft wollen wir?

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