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Soziale Überwachung : Wieso lieben die Chinesen ihr Punktesystem so sehr?

Normierte Moral als Marktmotor, hier per Gesichtserkennung in Peking: Viele Chinesen erhoffen sich von totaler staatlicher Sozialkontrolle einen Gewinn an Lebensqualität Bild: Gilles Sabrie/The New York Times

Schon jetzt stehen Millionen Chinesen wegen unbezahlter Rechnungen auf schwarzen Listen. Dennoch glauben sie an die Stärkung der Marktwirtschaft und der Moral. Das könnte für den Westen zur Herausforderung werden.

          6 Min.

          Wie kann es sein, dass achtzig Prozent der Chinesen ihre Erfassung in einem mit Künstlicher Intelligenz betriebenen Punktesystem gutheißen, mit dem ihr Verhalten in potentiell allen Lebensbereichen nicht nur bewertet, sondern automatisch auch belohnt oder bestraft wird? Eine repräsentative Online-Umfrage, die die Freie Universität Berlin in China anstellte, hat soeben genau dieses Ergebnis erbracht. Und ausgerechnet die Gebildeteren, Wohlhabenderen und etwas Älteren, die Stützen also jener Mittelschicht, von der einer bisher gültigen Politiktheorie zufolge das größte Verlangen nach Demokratisierung und Liberalisierung in der Volksrepublik ausgehen wird, ausgerechnet die sind am meisten dafür.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Möglicherweise wird das sogenannte Sozialkreditsystem, das von 2020 an alle Chinesen erfassen soll und das in den westlichen Öffentlichkeiten eine große, aus Faszination und Schrecken gemischte Aufmerksamkeit gefunden hat, immer noch unterschätzt. Man stellt sich darunter oft bloß eine Verlängerung und Vervollkommnung der staatlichen Überwachungsmaschinerie vor, der diktatorischen Herrschaft also, die die Kommunistische Partei über die Bevölkerung ausübt – mit dem Staatsapparat auf der einen Seite und auf der anderen einem Volk geduckter Existenzen, die unter dem Druck der immer weiter gehenden Überwachung immer geduckter werden.

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