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Überwachung der Gesundheit : Fit für die Welt

  • -Aktualisiert am

Freiwillige Selbstkontrolle: Tim Cook, Geschäftsführer von Apple, stellt die neue Apple Watch vor Bild: dpa

Selbstoptimierung war gestern, heute verkaufen Apple und Google Gesundheits-Apps und Fitness-Tracker als Dienst an der Menschheit.

          7 Min.

          Das Silicon Valley gilt als Ort der technologischen Umstürze, die aufs Ganze gehen – ein Ruf, der jedoch immer mehr zu entgleiten droht. Besonders Apple, dessen iPhone lange als Sinnbild des Disruptiven gefeiert wurde, trifft die Kritik: Das Magazin „Wired“ sprach vom „Dilemma des Innovators“, dem der eigene Erfolg zum Verhängnis wird, „The Verge“ gar vom Ende der „Blockbuster De-vices“. Zuletzt schien der smarte Pionier fast nur noch Immergleiches vorzustellen, dem Vorhandenen allenfalls Updates hinzuzufügen und weniger für Euphorie denn für routinierten Applaus zu sorgen.

          Doch wer etwas genauer hinschaut, erkennt, dass sich der Fokus der Vor- und Herstellungen im Silicon Valley gewandelt hat. Im Gewand minimal veränderter Versionen kommen grundlegende Verschiebungen daher – wie etwa bei der Apple Watch Series 5. Sie soll, wie Apple-Chef Tim Cook erklärt, für den Konzern „einen Unterschied ausmachen“, und zeigt entgegen so manch übellauniger Prophetie an, dass die IT-Konzerne mit ihren Smartwatches und anderen sogenannten Wearables auf ganz neue Märkte zielen – und dort schon jetzt eine tragende Rolle spielen.

          Vom Selbst zum Kollektiv

          Schon im Januar 2019 hatte Tim Cook in einem Interview darüber gesprochen, dass die Antwort etwas mit Gesundheit zu tun haben wird, sollte man sich eines fernen Tages einmal die Frage stellen, was Apples größter Beitrag für die Menschheit gewesen sei. Die signifikante Neuausrichtung, die damals noch schemenhaft blieb, erscheint mit der fünften Generation der Apple Watch klar konturiert. Wurde das Vorgängermodell noch als Tool eines fitteren, „besseren Ichs“ beworben, als exklusives egozentrisches Accessoire, das jeden Schritt oder Pulsschlag misst und mit allerlei Apps und „Taps“ (Vibrationsalarm am Handgelenk) den leistungsbewussten Selftracker reformiert, soll sie nun der kollektiven Selbstsorge dienen. „Make your mark on human health“, lautet der entsprechende Slogan.

          Kostenlos kann nun jeder Besitzer, sofern er in den Vereinigten Staaten lebt, seine aufgezeichneten Werte – vom EKG bis zur Laufleistung – höheren Zwecken überantworten, das heißt, über die App „Apple Research“ an medizinischen Studien teilnehmen und sich dank vernetzter Sensorik aus seiner selbstverschuldeten Unverbindlichkeit lösen. Durch die uneigennützige Weitergabe seiner Daten hilft er, so das Versprechen des Unternehmens, neue empirische Einsichten und damit zukunftsweisende Erkenntnisse zu gewinnen. In Kooperation mit Universitäten, diversen Krankenhäusern oder gar der Weltgesundheitsorganisation will Apple zukünftig Bereiche von der Hörgesundheit bis zum weiblichen Zyklus untersuchen. Die „Apple Heart Study“ etwa, an der bereits mehr als 400000 Menschen teilgenommen haben, ist nicht nur eine der größten Studien ihrer Art, sie markiert vielmehr den Beginn einer breit angelegten, datenbasierten Vermessung der Gesundheit. Die Smartwatch wird dabei zur Schnittstelle von Ichs und Wir, soll die individuellen in gemeinschaftliche Kreisläufe überführen, so dass ihr sportives Zahlenspiel auch den Gesellschaftskörper am Laufen hält. Das „quantified self“ wird zum „quantified collective“. Für Apple ist die Botschaft klar: „Humanity says thank you!“

          Gemeinnützige Überwachung

          Apples Forschungen sind keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal. Fast sämtliche Konzerne der Tech-Elite fallen zuletzt mit ähnlichen Ambitionen auf, wobei Googles Mutterkonzern Alphabet darunter wohl der avancierteste ist. Die Firma versteht Gesundheit schon länger als eine Frage der Technik, forschte mit Subunternehmen bereits in den unterschiedlichsten Bereichen – von smarten Kontaktlinsen über Krankheitsprävention bis zu OP-Robotern – und arbeitet aktuell vor allem an KI-Anwendungen, die auf Basis von Big Data und Musteranalyse bei der Diagnose und Behandlung von Krankheiten helfen sollen. In solchen Anwendungen hat Google enormes Marktpotential erkannt, doch sind sie auf eine riesige Datenmenge angewiesen. Aus diesem Grund ging der Konzern zuletzt entweder Kooperationen ein, um Millionen externer Patientendaten zu erhalten, zum beispiel mit dem Unternehmen Ascension, das 2600 Gesundheitseinrichtungen in den Vereinigten Staaten betreibt. Oder initiierte eigene Projekte, in denen man besonders auf Wearables setzt.

          In der „Health Study“ des Projekts „Baseline“ etwa, die in Zusammenarbeit mit der Stanford University und der Duke University unter dem googleeken Motto „We have mapped the World. Now let’s map human health“ durchgeführt wird, vermisst man über vier Jahre hinweg 10000 Teilnehmende mit eigens dafür entwickelten „Study Watches“. Neben der umfänglichen Aufzeichnung der alltäglichen (In-)Aktivitäten (von der Schrittzahl bis zur Schlafqualität) werden dabei sequentiell Tests auf Herz und Nieren (vom EKG bis zum Gentest) absolviert, um Entwicklung, Bedingung und die Übergänge von der Gesundheit zur Krankheit genauer zu bestimmen. Sämtliche Bereiche des Lebens werden so in Echtzeit – einer Art „Life-Ticker“ – erfasst, eingängig „kartiert“ und in den Datenbanken Googles verwaltet. Was nach panoptischer Überwachung klingt, wird als verführerisches Empowerment, als partizipatives Gesundheitsmapping im Dienst der Menschheit gefeiert. Denn schließlich befinden sich die Teilnehmenden nicht mehr in der isolierten Blase des Selftrackings, ihre Körper und Bewegungen werden nun resozialisiert, dabei in gemeinnützige, gar sinnstiftende Ziele eingebettet: „Werde aktiv, und nimm die Herausforderung an, die Krankheiten für zukünftige Generationen zu verhindern.“ Zwar werden die Daten – Sharing ist ja bekanntlich Caring – kostenlos an den Monopolisten aus dem Valley „gespendet“, aber man weiß sich in „Forscher-Patienten-Feedbackloops“ rund um die Uhr umsorgt, von technischen Innovationen genauso „umgarnt“ wie von einfühlsamer Rhetorik – „the most important team member is you“.

          Profit mit Biopolitik

          Diesem heilbringenden Team dürfen sich seit November 2019 auch die knapp 28 Millionen Träger von Geräten der Firma Fitbit verbunden fühlen. Mit dem für 2,1 Milliarden Dollar erworbenen Unternehmen will Google nicht nur Apple im Wearable-Markt Konkurrenz machen, sondern gleichzeitig, wie es utilitaristisch hieß, „Wissen, Erfolg, Gesundheit und Glück“ der Nutzer vergrößern. Die Fitbits seien „dazu designt, den Nutzern zu helfen, ihr eigenes Verhalten zu verstehen und zu verändern, um ihre Gesundheit zu verbessern“. Doch nach der Engführung mit Googles KI-Systemen könne man, so der fromme Wunsch, „noch mehr Menschen rund um den Globus helfen“. Die altbekannte Weltverbesserungssehnsucht der Konzerne aus dem Silicon Valley treibt dank der Wearables offensichtlich neue Blüten, und so ermöglicht das Health- beziehungsweise Fitness-Mining mit den frischen Datenquellen auch die Revitalisierung des alten und mittlerweile ziemlich kränkelnden Narrativs „Don’t be evil!“.

          Dies muss nicht zwingend unbedenklich sein. Denn schaut man sich nur die Projekte der letzten Monate an, stellt die expansive Verbreitung tragbarer Technologien – allein Apples Wearable-Segment wuchs im dritten Quartal 2019 um 54 Prozent – und das beständige, fast „unmerkliche Eindringen von Sendekanälen in das gesellschaftliche Fleisch“, wie es schon Jean-François Lyotard diagnostizierte, keine bloß unternehmerische Ambition dar. Vielmehr bestimmt sie eine Art Systemwechsel, in dem sich profitable Geschäftsmodelle mit einer neuen Form datafizierter Biopolitik decken: Während hiesige Krankenversicherungen Fitness-Tracker in allerlei Bonusprogramme integrieren und Versicherte mit gezielten Anreizen und gamifizierten Prämienmodellen zu einem gesünderen Lebensstil motivieren – „Google Fit“ oder „Apple Health“ sind hier häufig die Apps der Wahl -, bestimmt Fitbits jüngste Kooperation mit dem Health Promotion Board (HPB) Singapurs eine ganz andere, staatliche Tragweite.

          Der Staat als Lifecoach

          Im Rahmen des staatlichen Gesundheitsprogramms „Live Healthy SG“ sollen bis zu eine Million Bürger, die sich für ein App-gestütztes individuelles Gesundheits-Coaching registrieren, Googles Fitness-Tracker fürs Handgelenk kostenlos erhalten. Die Daten werden selbstverständlich mit dem HPB geteilt. Ziel des Angebots sei es, tiefere Einsichten in die Gesundheit der Bevölkerung zu gewinnen, bessere Programme zu entwickeln und die Aktivität der Bürger, ihre gesunde Ernährung oder Schlafhygiene zu fördern und zu rejustieren. Ständige Überwachung wird dabei als Gewinn an Lebensqualität, die behavioristische Remodellierung zu einem „healthier you“ als verlockende Selbstermächtigung angepriesen. In den Worten von HPB-Chef Zee Yoong Kang: „Wir beabsichtigen, mit innovativen Anbietern aus der Industrie wie Fitbit an zusätzlichen Einsatzmöglichkeiten für Technologie zu arbeiten, um den Bürgern Singapurs personalisierte Gesundheitstipps und Nudges zur Verfügung zu stellen, damit sie die Kontrolle über ihre eigene Gesundheit übernehmen können.“ Freiheit und Kontrolle greifen hier scheinbar ganz harmonisch ineinander, wirken fast ununterscheidbar. Im Zeichen der Gesundheit präsentiert sich der Staat also nicht als oppressiver Überwacher, sondern als individuelle Serviceagentur, als Lifecoach des Selbst und der anderen.

          Definiert man Regierung mit Michel Foucault als ein „Ensemble aus Handlungen, die sich auf ein mögliches Handeln richten“, als eine Konstellation also, die „Anreize bietet, verleitet, verführt“, etabliert sich mit dem Einsatz von Wearables ein partizipativer Modus der Biopolitik. Dabei wird das menschliche Verhalten einerseits nüchtern in Datenbanken verwaltet, um es andererseits mit programmierten Nudges und wohlmeinenden Ratschlägen neu auszurichten. Staatliche, vor allem aber die privaten Akteure des Silicon Valley, haben verstanden, dass das alte Besteck periodischer Statistiken oder verallgemeinerter Durchschnittswerte kaum ausreicht, um den heute mobileren Gesellschaftskörper zu formen. Es gilt, ihn sorgsam und individuell zu informieren, Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und Selbstproduktion zu bieten, die mit den eigenen Zielen korrelieren. So bedarf es flexiblerer Mechanismen, anschmiegsamer Apparate, das heißt „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“ (Deleuze), die on demand Daten produzieren und jeden Einzelnen, zum Wohle aller, animieren, sein „gesünderes Ich“ zu entdecken, freundlich dazu anleiten, sich selbst zu überwachen. Darin offenbart sich nicht nur ein „tragfähiges“ Geschäfts-, sondern auch ein Gesellschaftsmodell: ein Modell, in dem man nicht durch rüde Disziplinierung, sondern durch anziehende Technisierung, durch Angebote statt Verbote, regiert.

          So verführerisch, nett und rational dies auch klingen mag, so klar zeigt sich hier eine wirkliche Verschiebung aufklärerischer Ideale. Aus Kants kritischer Diagnose hat das Silicon Valley längst einen lukrativen Markt gemacht, in dem die Gesundheit als Service nicht nur aufs Handgelenk geschnallt, sondern trügerisch leicht zu haben scheint: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann“, schreibt Kant in „Was ist Aufklärng?“.

          Ob dies wirklich so reibungslos läuft, wir also tatsächlich gewillt sind, immer zu „bezahlen“, ist noch nicht ausgemacht; doch die Konzerne legen es uns verlockend nah – und kommen uns immer näher.

          Von der Autorin und dem Autor ist gerade das Buch „Die Gesellschaft der Wearables. Digitale Verführung und soziale Kontrolle“ erschienen. Nicolai Verlag, 120 Seiten, 18 Euro

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