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Überwachung der Gesundheit : Fit für die Welt

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Der Staat als Lifecoach

Im Rahmen des staatlichen Gesundheitsprogramms „Live Healthy SG“ sollen bis zu eine Million Bürger, die sich für ein App-gestütztes individuelles Gesundheits-Coaching registrieren, Googles Fitness-Tracker fürs Handgelenk kostenlos erhalten. Die Daten werden selbstverständlich mit dem HPB geteilt. Ziel des Angebots sei es, tiefere Einsichten in die Gesundheit der Bevölkerung zu gewinnen, bessere Programme zu entwickeln und die Aktivität der Bürger, ihre gesunde Ernährung oder Schlafhygiene zu fördern und zu rejustieren. Ständige Überwachung wird dabei als Gewinn an Lebensqualität, die behavioristische Remodellierung zu einem „healthier you“ als verlockende Selbstermächtigung angepriesen. In den Worten von HPB-Chef Zee Yoong Kang: „Wir beabsichtigen, mit innovativen Anbietern aus der Industrie wie Fitbit an zusätzlichen Einsatzmöglichkeiten für Technologie zu arbeiten, um den Bürgern Singapurs personalisierte Gesundheitstipps und Nudges zur Verfügung zu stellen, damit sie die Kontrolle über ihre eigene Gesundheit übernehmen können.“ Freiheit und Kontrolle greifen hier scheinbar ganz harmonisch ineinander, wirken fast ununterscheidbar. Im Zeichen der Gesundheit präsentiert sich der Staat also nicht als oppressiver Überwacher, sondern als individuelle Serviceagentur, als Lifecoach des Selbst und der anderen.

Definiert man Regierung mit Michel Foucault als ein „Ensemble aus Handlungen, die sich auf ein mögliches Handeln richten“, als eine Konstellation also, die „Anreize bietet, verleitet, verführt“, etabliert sich mit dem Einsatz von Wearables ein partizipativer Modus der Biopolitik. Dabei wird das menschliche Verhalten einerseits nüchtern in Datenbanken verwaltet, um es andererseits mit programmierten Nudges und wohlmeinenden Ratschlägen neu auszurichten. Staatliche, vor allem aber die privaten Akteure des Silicon Valley, haben verstanden, dass das alte Besteck periodischer Statistiken oder verallgemeinerter Durchschnittswerte kaum ausreicht, um den heute mobileren Gesellschaftskörper zu formen. Es gilt, ihn sorgsam und individuell zu informieren, Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und Selbstproduktion zu bieten, die mit den eigenen Zielen korrelieren. So bedarf es flexiblerer Mechanismen, anschmiegsamer Apparate, das heißt „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“ (Deleuze), die on demand Daten produzieren und jeden Einzelnen, zum Wohle aller, animieren, sein „gesünderes Ich“ zu entdecken, freundlich dazu anleiten, sich selbst zu überwachen. Darin offenbart sich nicht nur ein „tragfähiges“ Geschäfts-, sondern auch ein Gesellschaftsmodell: ein Modell, in dem man nicht durch rüde Disziplinierung, sondern durch anziehende Technisierung, durch Angebote statt Verbote, regiert.

So verführerisch, nett und rational dies auch klingen mag, so klar zeigt sich hier eine wirkliche Verschiebung aufklärerischer Ideale. Aus Kants kritischer Diagnose hat das Silicon Valley längst einen lukrativen Markt gemacht, in dem die Gesundheit als Service nicht nur aufs Handgelenk geschnallt, sondern trügerisch leicht zu haben scheint: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann“, schreibt Kant in „Was ist Aufklärng?“.

Ob dies wirklich so reibungslos läuft, wir also tatsächlich gewillt sind, immer zu „bezahlen“, ist noch nicht ausgemacht; doch die Konzerne legen es uns verlockend nah – und kommen uns immer näher.

Von der Autorin und dem Autor ist gerade das Buch „Die Gesellschaft der Wearables. Digitale Verführung und soziale Kontrolle“ erschienen. Nicolai Verlag, 120 Seiten, 18 Euro

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