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Überwachung der Gesundheit : Fit für die Welt

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In der „Health Study“ des Projekts „Baseline“ etwa, die in Zusammenarbeit mit der Stanford University und der Duke University unter dem googleeken Motto „We have mapped the World. Now let’s map human health“ durchgeführt wird, vermisst man über vier Jahre hinweg 10000 Teilnehmende mit eigens dafür entwickelten „Study Watches“. Neben der umfänglichen Aufzeichnung der alltäglichen (In-)Aktivitäten (von der Schrittzahl bis zur Schlafqualität) werden dabei sequentiell Tests auf Herz und Nieren (vom EKG bis zum Gentest) absolviert, um Entwicklung, Bedingung und die Übergänge von der Gesundheit zur Krankheit genauer zu bestimmen. Sämtliche Bereiche des Lebens werden so in Echtzeit – einer Art „Life-Ticker“ – erfasst, eingängig „kartiert“ und in den Datenbanken Googles verwaltet. Was nach panoptischer Überwachung klingt, wird als verführerisches Empowerment, als partizipatives Gesundheitsmapping im Dienst der Menschheit gefeiert. Denn schließlich befinden sich die Teilnehmenden nicht mehr in der isolierten Blase des Selftrackings, ihre Körper und Bewegungen werden nun resozialisiert, dabei in gemeinnützige, gar sinnstiftende Ziele eingebettet: „Werde aktiv, und nimm die Herausforderung an, die Krankheiten für zukünftige Generationen zu verhindern.“ Zwar werden die Daten – Sharing ist ja bekanntlich Caring – kostenlos an den Monopolisten aus dem Valley „gespendet“, aber man weiß sich in „Forscher-Patienten-Feedbackloops“ rund um die Uhr umsorgt, von technischen Innovationen genauso „umgarnt“ wie von einfühlsamer Rhetorik – „the most important team member is you“.

Profit mit Biopolitik

Diesem heilbringenden Team dürfen sich seit November 2019 auch die knapp 28 Millionen Träger von Geräten der Firma Fitbit verbunden fühlen. Mit dem für 2,1 Milliarden Dollar erworbenen Unternehmen will Google nicht nur Apple im Wearable-Markt Konkurrenz machen, sondern gleichzeitig, wie es utilitaristisch hieß, „Wissen, Erfolg, Gesundheit und Glück“ der Nutzer vergrößern. Die Fitbits seien „dazu designt, den Nutzern zu helfen, ihr eigenes Verhalten zu verstehen und zu verändern, um ihre Gesundheit zu verbessern“. Doch nach der Engführung mit Googles KI-Systemen könne man, so der fromme Wunsch, „noch mehr Menschen rund um den Globus helfen“. Die altbekannte Weltverbesserungssehnsucht der Konzerne aus dem Silicon Valley treibt dank der Wearables offensichtlich neue Blüten, und so ermöglicht das Health- beziehungsweise Fitness-Mining mit den frischen Datenquellen auch die Revitalisierung des alten und mittlerweile ziemlich kränkelnden Narrativs „Don’t be evil!“.

Dies muss nicht zwingend unbedenklich sein. Denn schaut man sich nur die Projekte der letzten Monate an, stellt die expansive Verbreitung tragbarer Technologien – allein Apples Wearable-Segment wuchs im dritten Quartal 2019 um 54 Prozent – und das beständige, fast „unmerkliche Eindringen von Sendekanälen in das gesellschaftliche Fleisch“, wie es schon Jean-François Lyotard diagnostizierte, keine bloß unternehmerische Ambition dar. Vielmehr bestimmt sie eine Art Systemwechsel, in dem sich profitable Geschäftsmodelle mit einer neuen Form datafizierter Biopolitik decken: Während hiesige Krankenversicherungen Fitness-Tracker in allerlei Bonusprogramme integrieren und Versicherte mit gezielten Anreizen und gamifizierten Prämienmodellen zu einem gesünderen Lebensstil motivieren – „Google Fit“ oder „Apple Health“ sind hier häufig die Apps der Wahl -, bestimmt Fitbits jüngste Kooperation mit dem Health Promotion Board (HPB) Singapurs eine ganz andere, staatliche Tragweite.

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