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Trumps umstrittene Äußerungen : Unser Dreck ist auch Ihr Dreck!

Mit seiner „Drecksloch“-Formulierung hat sich der amerikanische Präsident deutlich im Ton vergriffen. Bild: dpa

Warum klingen Entschuldigungen, wenn es um Rassismus geht, so oft wie eine zweite Verhöhnung? Wer von Afrikas „Dreckslöchern“ spricht, sollte die Mitschuld des Westens nicht vergessen.

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          Was ist schlimmer: eine gescheiterte Wortwahl für das, was Politikwissenschaft und Völkerrecht einen failing state, einen scheiternden Staat nennt, oder die Weigerung, der politischen Mitverantwortung für das Scheitern solcher Staaten ins Auge zu sehen? Man versteht nicht recht, warum sich mehr als fünfzig afrikanische Staaten damit begnügen, von Trump eine Entschuldigung für das Dreckswort vom Drecksloch zu fordern, als habe sich der amerikanische Präsident nur im Ton vergriffen, was er zweifellos tat.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Trump befeuert mit seinen losen Reden den Alltagsrassismus nach dem Motto: Wenn so etwas im Weißen Haus geht, dann lege ich jetzt auch mal bei meinem Nachbarn los. Und Trump, die globale Chiffre fürs Fremdschämen, beschämt, er befestigt die Stigmata, wie sie Frantz Fanon in seiner Schrift „Schwarze Haut, weiße Masken“ aufgelistet hat: der Schwarze als der Räudige, dem alles zuzutrauen ist.

          Doch wer will von diesem Präsidenten eine Entschuldigung hören? Muss eine Entschuldigung aus seinem Mund nicht wie eine zweite Verhöhnung klingen? Warum halten sich die afrikanischen Kritiker bei Trumps Sprachdreck auf, statt ihn in der politischen Sache in die Pflicht zu nehmen und zu erklären: Stimmt, bei uns gibt es viel Dreck, aber der Westen ist hier seit je die Dreckschleuder! In dessen neokolonialen Mustern, so könnten sie fortfahren, die afrikanischen Kritiker, geht es eben mehr um Stabilität auf dreckigstem Niveau als um Prosperität und Menschenrechte. Mit anderen Worten: Unser Dreck ist auch Ihr Dreck, Mister President! Das wäre der grobe Keil, der auf Trumps groben Klotz gehört.

          Der Westen produziert fleißig Dreck

          Feiner drückt es Amartya Sen in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ aus: Er sieht Amerika schon deshalb in der Pflicht, weil „der Kalte Krieg, welcher – was selten offen zugegeben wird – im Wesentlichen auf afrikanischem Boden ausgefochten wurde“, Afrika in einem Verdreckungszusammenhang festgehalten habe. Wenn Afrika heute versuche, seine koloniale Vergangenheit und die Unterdrückung der Demokratie während des Kalten Krieges hinter sich zu lassen, „stößt es auf das Anschlussphänomen in Gestalt des Militarismus und der fortgesetzten Kriegführung, bei welcher der Westen nicht mit Hilfe geizt“.

          Es mag ja sein, fährt Sen, der 1998 den Nobelpreis für Ökonomie erhielt, mit Blick auf den internationalen Waffenhandel fort, „dass der Westen in der heutzutage sehr gebräuchlichen Einteilung der Kulturen häufig gepriesen wird, weil er ,eine unter allen zivilisierten Gesellschaften einzigartige Tradition individueller Rechte und Freiheiten‘ besitzt, wie es bei Samuel Huntington heißt“. Aber dabei dürfe nicht übersehen werden, „dass der Westen sich daran beteiligt, ,individuelle Rechte und Freiheiten‘ in anderen Ländern, darunter auch afrikanischen, zu untergraben“ – also Dreck zu produzieren.

          Im öffentlichen Scheinwerferlicht, wie es zuletzt auf die Verhältnisse in Zimbabwe fiel, auf die bizarre Gestalt Robert Mugabes und dessen nicht minder anrüchigen Nachfolger, nehmen sich afrikanische Drecksregime wie exotische Schicksale aus, auf die man von der moralischen Warte des Westens bedauernd herabschaut und sich jedenfalls nicht in strukturellen Zusammenhängen sieht. Solche zu benennen wird den Aktivisten von „good governance“ überlassen, die gerne weiter vordenken dürfen, solange sie nichts zu sagen haben.

          Der Westen gibt auch in Afrika Milliarden aus, um „Fluchtursachen“ zu bekämpfen, schließt dafür Fluchtpartnerschaften mit Gewaltherrschern. „Wie kann Europa mit den Potentaten, die selbst die Fluchtursache sind, überhaupt Partnerschaften eingehen?“, fragt Asfa-Wossen Asserate. „Man hat sich die schlimmsten Länder Afrikas als Partner ausgesucht: In Tschad oder Niger herrschen korrupte Unterdrückung“, erklärt Asserate in einem eben veröffentlichten, alarmierenden Interview mit der „Tagespost“. Der äthiopische, in Frankfurt am Main lebende Schriftsteller zeichnet das Bild einer undurchschauten politischen Manipulation, die im Ergebnis dazu führe, dass einmal mehr das zynische Kalkül der Stabilität triumphiere.

          Propaganda für Europa?

          In Tschad oder Niger beispielsweise würden „jetzt Regisseure gesucht, die Propagandafilme für die Europäer drehen: Man lässt Soldaten ein paar tausend Statisten von den Grenzen zurückprügeln, um den Europäern zu zeigen, wie man gegen die Massenmigration vorgeht. In Wirklichkeit denken viele afrikanischen Potentaten, dass ihnen die Emigranten dank ihrer Rücküberweisungen aus Amerika oder Europa viel mehr einbringen als die EU mit ihren Millionen. Die etwa 2,5 Millionen äthiopischen Flüchtlinge irgendwo auf der Welt senden drei bis 3,5 Milliarden Dollar jährlich nach Äthiopien. Das ist mehr als das Doppelte der gesamten Entwicklungshilfe. Wissen das die Europäer nicht?“

          Tatsächlich war die Unterstützung afrikanischer Gewaltherrscher, worauf auch Sen anspielt, in Zeiten des Kalten Krieges ein zentrales Politikfeld des Ostens wie des Westens. „Jeder hatte seinen Lieblingsdiktator“, so Asserate. „Früher sagte der Westen: Ja, wir wissen, dass das ein Verbrecher ist, aber er ist kein Kommunist. Heute sagt man: Ja, er ist ein Gewaltherrscher, aber er ist ein Alliierter im Kampf gegen den Terrorismus. Das ist die sogenannte Realpolitik, die nicht realistisch ist.“ Dasselbe politische Schema Jahrzehnte nach Beendigung des Kalten Krieges?

          Laut Asserate lässt das Korruptionsniveau der Diktatoren, ihre offen und verdeckt auf Selbstbereicherung angelegte Politik, die Interventionen des Westens in hohem Masse kontraproduktiv aussehen: „Nicht einmal ein Drittel der für Afrika gegebenen Entwicklungshilfe hat die richtigen Adressaten erreicht. Die Diktatoren bekämpfen die Eliten. Es ist ihnen egal, wenn die besten Köpfe ihr Land verlassen. Allein in Kalifornien leben mehr äthiopische Ärzte als in ganz Äthiopien. Wenn aber die Intellektuellen und die Techniker gehen, wenn die Mittelschicht ein Land verlässt, dann trocknet dieses Land aus.“ So gesehen, bleibt mit ihnen, mit „den alten Männern, die nur an sich denken, nicht an ihre Völker“ (Asserate) alles im Dreck stecken, im Sumpf von Armut, Kriminalität und ethnischen Konflikten.

          Natürlich treten zornige Zwischenrufe wie die von Sen oder Asserate nicht als politikwissenschaftliche Studien auf. Sie können und wollen deren Komplexitätsgrad nicht ersetzen. In der Völkerrechtslehre geht es, wenn nach scheiternden Staaten gefragt wird, gerade um eine funktionale Stabilität der Staatsgewalt, wie sie hier als Quelle des Übels kritisiert wird. Ein Staat ist in völkerrechtlicher Sicht nicht schon dann gescheitert, wenn die demokratische Legitimation unzureichend ist. Worauf Leute wie Sen und Asserate den Finger legen, ist etwas anderes: Westliche Politik kann sich nicht hinter formalen Definitionen von failing states verstecken, um in Afrika einen Dreck zu erzeugen, mit dem man dann seine rassistischen Borniertheiten ernährt. Die Unschuldsmiene, die man dabei vor sich her trägt, ist der eigentliche Skandal aller Dreckloch-Reden – der gehaltenen wie der ungehaltenen.

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